Die Kunst des klaren Denkens

Schon zu Beginn des Jahres findet man wieder  in etlichen Artikeln eine Reihe von merkwürdigen Behauptungen gegen den gesunden Menschenverstand, die darauf schließen lassen, dass der Schreiber nicht nachgedacht hat. Bringen wir ein wenig Licht in das Dunkel.

So wurde behauptet, Tagträumerei hätte etwas mit hoher Intelligenz zu tun… Hohe Intelligenz hingegen ist Wachheit und Bewusstheit  und richtet sich neugierig auf die Welt, die sie erfassen und begreifen will. Wahrheit sucht man in inneren Bildern vergeblich und entsprechend realitätsfern sind auch ihre Vertreter und Anwender. Dieser Eskapismus hat schwerwiegende Folgen für das Zusammenleben, denn an Subjektivität ist diese Vorstellungswelt nicht zu überbieten. Auch geht von ihr keine wahrhaftige Beruhigung aus, sondern verleitet nur dazu, die Welt zu verfremden, anstatt sie zu durchdringen. Sie kann wegen der hohen Diskrepanz von Wirklichkeit und Vorstellung in die Depression führen wegen hoher Frustration. Diese unsere Welt ist nicht perfekt und sie ist extrem ungerecht, aber wir haben den Auftrag, sie zu gestalten und zu verbessern – selbst das eigene Leben Tag für Tag und Schritt für Schritt. Der Rückzug in die innere Welt ist eine Verführung, die die Wahrnehmung bzw. die Sinne beeinträchtigt und der Wahrheit gewissermaßen im Wege steht. Auch die Selbstreflektion wird so behindert, denn sie setzt sich nicht mehr objektiv mit den eigenen Gegebenheiten auseinander. Intelligenz ist die reale Verarbeitung externer Informationen auch für die eigene Entwicklung, die nie zum Stillstand kommen darf.

Die sogenannte emotionale Intelligenz

Ein weiterer Punkt wäre die emotionale Intelligenz, die ohne einen hohen IQ nicht zu haben ist. Menschen, mit denen man eine wichtige Angelegenheit zu besprechen hat und die jede Antwort verweigern, weil man mit ihnen nicht auf der gleichen Wellenlänge ist, verwechseln den EQ mit der Erstarrung, das Kritisierende nicht mehr zuzulassen, weil man sich in seiner Welt eingerichtet hat und nun nicht mehr wirklich ins Denken kommen will. Philosophie und Denken sind auch nicht identisch. Karl Marx schrieb: „Philosophie und das Studium der wirklichen Welt verhalten sich wie Onanie zur Geschlechtsliebe“. Das mag viele erschüttern, ist aber auch ein Teil der Realität,  mit der man sich auseinandersetzen muss. Wahrheit finden wir nicht unbedingt in irgendeiner Disziplin, sondern nur im interdisziplinären Diskurs, in der genauen Beobachtung und Wahrnehmung und in unserer geübten (!) Intuition. Es ist auch nicht die emotionale Intelligenz, die uns neue Bekanntschaften machen lässt, sondern es sind die entsprechenden Gelegenheiten. Die soziale Dimension der Teilhabemöglichkeit am gesellschaftlichen Leben entscheidet darüber, ob ich Menschen finde, die gerne in den Diskurs treten, weil sie offen und wach mit den Problemen der Welt umgehen.  Ausschlussverfahren dürfen nur dann vorgenommen werden, wenn Menschen unverbesserlich an ihren störenden Verhaltensweisen festhalten, die die Realität vorsätzlich verzerren und deshalb nicht erträglich sind. Das sind die sich selbst verherrlichenden Solipsisten und Narzissten, die das Licht der Wahrheit scheuen und damit auch den Diskurs, der ohne Herausforderung eben nicht zu haben ist. Aber viele Menschen geben im Grunde auf und konfrontieren andere mit einer Unbeweglichkeit, die für Beteiligte in die Ohnmacht führen kann.

Gegen die Depression

Wie wichtig es ist, gedanklich und kommunikativ in Bewegung zu bleiben, zeigt uns auch der Selbstmord von Ari Behn, dem sympathischen Mann von Märtha Louise von Norwegen. Hinter schweren Depressionen stecken oft gedankliche Sackgassen, in die auch Menschen andere hineintreiben und schwere Krankheiten dadurch verursachen können. Die deregulierte Gehirnphysiologie ist nur ein Symptom für ein viel tiefer liegendes Problem. Nein, es kostet nichts, sich zu öffnen für die Sorgen eines anderen, wenn sie vor allem auch von allgemeinem Interesse sind. Das Wesen einer Erkrankung ist ja nicht selten das Leiden an der Welt, wie sie ist. Durch Tagträumerei können wir sie nicht ändern, aber durch hohe gedankliche Beweglichkeit, die immer auch eine körperliche Dimension hat gegen die vielen sichtbaren Blockaden und Gestautheiten von Menschen. Der Geist formt und gestaltet auch den Körper für den freien Fluss der Energien (gut erreichbar durch Yoga), die eine sympathische und empathische Offenheit und Neugier ermöglichen gegen den Sog der Vorurteile und negativer Erwartungen. Viele Menschen haben sich viel vorgenommen für das neue Jahr. Wir sind Gottes Geschöpfe, weil wir beherzt die Probleme angehen, die uns weiterbringen können. Das einzusehen und zu unterscheiden vermag die emotionale Intelligenz. Die Veranlagung eines anderen Menschen kann ich nicht ändern, aber ich kann wach bleiben für das Anliegen eines Menschen und ihn auch menschenwürdig behandeln. Wo ich überfordert bin, äußere ich das entsprechend. So kommen wir der Wahrheit eben doch Tag für Tag etwas näher und trennen uns auch manchmal von Unerträglichkeiten. Wir müssen Grenzen ziehen gegen schwere Grenzverletzungen, aber wir bleiben trotzdem ganz allgemein offen. Das ist die ganze Kunst. Und wir klären auf und korrigieren, ja streiten, wo dies nötig ist. Dieser Prozess ist nie abgeschlossen. Verpassen wir also keine Bretter vor den Kopf, sondern ebnen den Weg zu mehr Gerechtigkeit. Wahnsinn ist die Verunmöglichung von Offenheit in vertikaler und horizontaler Richtung.

Ein waches, bewusstes und kommunikatives neues Jahr!

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