Fasten

Leider gehen die Meinungen auseinander, was das Fasten betrifft. Studien belegen aber den Nutzen für die Gesundheit im Rahmen der Naturheilkunde

Eine Auszeit über das Fasten zu nehmen, ist wie eine Therapie, denn man kommt auf höhere Gedanken und Erkenntnisse von Zusammenhängen. Selbst ein Trauma kann durch das Fasten geheilt werden, weil Körper und Geist loslassen von immer denselben Verletzungen, die ständig reaktiviert werden, wenn man die Denkgewohnheiten nicht überwindet. Genau die werden durchbrochen und Neues bahnt sich im Gehirn. Möglicherweise ist der Geist besonders empfänglich für neue Informationen und für die Veränderung der eigenen Glaubenssätze, die oft in die Sackgasse führen. Der Weg raus aus den eigenen Dogmen ist der in die Freiheit und in die Neuorientierung, die jederzeit möglich ist, wenn man dem Organismus die Chance dafür gibt. Die Autophagie – Yoshinori Ohsumi hat für die Entdeckung den Nobelpreis erhalten – wird angeregt und damit die Zellerneuerung durch Abtransport des Zellmülls.

Die  Erhellung

Das Fasten ermöglicht die Setzung einer neuen Ursache für die  Interpretation des eigenen Lebens, das Schatten- und Lichtseiten beinhaltet. Die Schattenseiten überwiegen, wenn ich geistig keine Fortschritte mehr mache und mein Körper einrostet und verkalkt. Gegen diese Alterungsprozesse eignet sich der zeitlich begrenzte Verzicht auf feste Nahrung und kann so schweren Erkrankungen vorbeugen. Die ersten beiden Tage sind schwierig – Andreas  Michalsen rät zu 5 Tagen -, aber die weiteren vergehen um so leichter, denn die Gedanken kreisen nicht mehr um das Essen. Alles seelisch Unverdaute kommt zur Sprache und kann bearbeitet werden. Das Bewusstsein erweitert sich und findet neue Lösungen für alte und neue Probleme. Mit einer Horizonterweiterung ist meistens auch Glück verbunden. Determinierungen machen unglücklich und können zu Depressionen führen , die die Lebensqualität schwer einschränken. Das Fasten ist in der Lage, diese Determinierungen zu beenden für eine neue Leichtigkeit des Daseins.

Der Neuanfang

Nach dem Fasten kann man das Leben besser bewältigen und es löst auch noch organische Probleme. Die werden regelrecht weggeschwemmt. Ein Neustart wird angeregt  und erhöht die Lebensqualität. Eine neue Wach- und Achtsamkeit werden so möglich vielleicht auch noch in Verbindung mit einer Meditation. Die Willens- und Entscheidungskraft verbessern sich und man findet neue Antworten auf alte Fragen, die eventuell belasten. Insgesamt initiiert die Askese den Neuanfang und bewirkt  auch die Chance des Verzeihens, weil wir uns hier auch selbst korrigieren und Verantwortung übernehmen. Reifung und Entwicklung sind so möglich durch das Finden von Synthesen, die aus den Widersprüchen und Aporien hinaus führen. Das Leben öffnet sich wieder wie auch Türen, die man für längst verschlossen gehalten hat durch Entschlackung des gesamten Organismus für eine Verjüngung  und positives Lebensgefühl. Und der wunderbare Nebeneffekt besteht darin, dass das Bewusstsein wächst,  mit guten Nahrungsmitteln die Gesundheit stärken können, wenn die Fastenzeit vorüber ist. Ein freier asketischer Körper zieht einen freien Geist und eine freie Seele nach sich, die in Dankbarkeit Glück und Sinn erfahren durch Entlastung des Organismus. Auch Blutdruck und Fettstoffwechsel werden korrigiert.  Da alle Prozesse zusammenhängen, wirkt es sich auch auf das Denken aus und Selbstkorrektur und Selbstregulation werden angeschoben.

Wer sich das Fasten alleine nicht zutraut, kann sich Unterstützung suchen z.B. bei Rüdiger Dahlke, der das regelmäßige Fasten schon lange propagiert und online anbietet.

Andreas Michalsen: Mit Ernährung heilen. Besser essen, einfach fasten, länger leben. Berlin 2019

Die Grenzen der Welt

Wittgenstein meinte, die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der individuellen Welt. Das indoktrinierte und dogmatisierte Ich kann diese Grenzen nicht aufheben, obwohl die Überwindung eigener Grenzen Reifung und Entwicklung beinhaltet. Die Sprache ist das Mittel der Erweiterung des Festgelegten und muss sich anstrengen, um Worte zu finden für Tatsachen, die vor allem psychologisch den Einzelfall betreffen. Philosophie ist eine Bewegung, diese Sprache zu entwickeln und nicht seine eigenen Grenzen auf andere zu projizieren.  Gesundheit impliziert diese Offenheit demgegenüber, das nicht schadet und bedacht sein will. Ich muss mich hier also anstrengen, um dem anderen gerecht zu werden und mich dem annähern, was der andere längst erfahren und verarbeitet hat. Mit gutem Grund entrüstet sich der Undogmatische über diese Grenzen, die bestenfalls philosophische Arbeit anstoßen. Hier können wir uns nicht auf schon Gedachtes und Gesagtes berufen, sondern sind aufgefordert, Worte zu finden. Es gibt kein Unsagbares, es sei denn man verschließt seine Welt gegen die Einsicht anderer.

 

Gegen das Schweigen

Wir sind in der Lage, diese Grenzen, die das Denken und die Sprache behindern, aufzuheben und uns auf Neuland zu begeben in der Hoffnung, einen Quantensprung in der Erkenntnis dessen, was ist, zu machen. Damit verbunden ist das Glück der Befreiung, wenn es um tiefere Einsichten geht in den Lauf und den Fall der Welt. Grenzen sind Gefährdungen der Erstarrung und des Fehlverständnisses auch der Mitmenschen, denen man nur gerecht werden kann, wenn man ihre Erweiterungen von Grenzen versteht, ohne aber alle moralischen Fragen zu ignorieren. Moral ist etwas hoch Verhandelbares, wenn man Menschen nicht unterschätzt und hier Dinge unterstellt, die jenseits der Moral auftauchen. Eine Ethik des Lebens muss sich dem Diskurs stellen und darf ihn nicht unmöglich machen.  Wenn meine Grenzen auf Glaubenssätzen bestehen, habe ich nicht das Recht, sie anderen aufzubürden, sondern bleibe in der Pflicht besonders als Philosoph diese Grenzen in Frage zu stellen  für ein besseres Verständnis dessen, was Sache und was möglich ist, ohne moralische Regeln zu verletzen. Das heißt auch immer, ich muss mich einlassen und darf nicht das Schweigen wählen, da somit auch  jeder allgemeine Fortschritt unmöglich wird. Wir haben es aber bitter nötig, um uns und die Welt besser zu verstehen, damit wir evolutionieren können und auch letztlich eine Sprache finden , die auch die Würde des Einzelnen nicht verletzt, sondern eine Perspektive eröffnet zu wachsen.

Wahrhaftiger Frieden

In jeder Begegnung finden wir diese Herausforderung, uns besser zu verständigen und zu verstehen. Das gelingt vor allem über die Sprache, die behutsam auf die Wahrheit hindeutet, die uns Orientierung vermittelt und uns aus dem Gefängnis der Beschränktheit herausführt. Wir müssen dabei immer von einer humanen Lösung ausgehen und von Menschen, die im Grunde ihres Wesens das Gute wollen. Daran können wir anknüpfen und eine Sprache entwickeln, die eine grundsätzliche Verbundenheit offenbart. Wittgenstein war im Irrtum und verursachte das Grundsatzproblem, das eigene sprachliche Unvermögen absolut zu setzen und sich hier hinein zu fügen. Wir sollten dagegen uns zu Erfindern machen, die Neues entdecken und somit alte Probleme auflösen können auch in einem psychologischen Sinne der Befreiung von Einschränkungen des Ratlosen. Es gibt kein Problem, für das wir keine Sprache hätten, es sei denn wir sind zu dogmatisiert und behindert in der Suche nach Lösungen. Wir alle wünschen uns eine offene Weltsicht und damit viele Erkenntnisse über uns selbst und über andere. Wir brauchen dieses Verständnis auch, um im wahrhaftigen Frieden zu leben. Es kann nicht sein, dass man sich auf das eigene Unvermögen beruft. Sicher sind wir als Einzelwesen beschränkt, aber wir streben teleologisch nach der Erweiterung unserer Erkenntnisse und begreifen so unsere Fehler, an denen wir nur wachsen, wenn wir sie sprachlich erfasst haben. Unser Geist entwickelt Formen der Erkenntnis, die sich in der Welt widerspiegeln, die wir in der Welt wieder finden, was uns versichert, dass diese Welt sinnvoll konzipiert ist. Sie ist nicht reine Konstruktion.  Ich kann also sicher sein, dass ich mit meinen Denken und meiner Sprache, zu der ich auch die Mathematik zählen würde, immer neue Räume eröffnen kann, die sich über alle negativen Erfahrungen hinwegsetzen. Die Schönheit dieser Ordnung formt die eigene Vernunft und das Gefühl einer göttlichen Ordnung. Das Gefühl geht dem Denken voraus, weshalb Intuitionen wichtige Orientierung vermitteln für das Finden von Sprache.

Verzeihung ist nur über die Sprache möglich

Vielleicht ist es sinnvoll, von einer Ethik der Rede zu sprechen, um die Gefahr der Aporie zu überwinden. Qua Mensch gibt es die Forderung, uns mitzuteilen, wenn wir auch in unserem Selbstverständnis angegriffen werden. Worte zu finden bedeutet, dem anderen die Würde zu lassen, dass er es verdient hat. Manch einer möchte nur den Hexenhammer wieder veröffentlichen, damit er sich nicht bewegen muss. Hintergrund ist immer derselbe Narzissmus der Unbelehrbarkeit, die sich oft als Oberlehrerhaftigkeit geriert. Letztlich können wir auch nur verzeihen, wenn wir uns sprachlich angenähert haben und den Punkt gefunden zu haben, wo wir wirklich verstehen, anstatt zu beschuldigen und zu verleumden. Dies ist nur der Einstieg in die Welt des ewigen Traumas. Das Rezept gegen Sackgassen: Suche das Gespräch!

Hölderlin

Die Ätiologie einer Erkrankung
Hölderlin war Dichter und wollte nie etwas anderes sein. Die Liebesbeziehung zu Susette Gontard, einer verheirateten Frau mit vier Kindern, hat ihn wohl zerrüttet wie auch die Hauslehrertätigkeit, die nicht seiner selbst gewählten Identität entsprach. Es war nicht der Reiz des Verbotenen, sondern die verletzte Leidenschaft durch Aussetzung der moralischen Regeln, wie sie auch in der griechischen Mythologie vorkommt. Somit ist diese keine Orientierung, sondern eher Katharsis, die Schrecken verarbeitet. Durch reine Seelenkräfte, die die Vernunft einschränken, wird der Mensch gespalten und kann sich verirren. Das Gebot Du sollst nicht die Ehe brechen – damit ist nicht die Scheidung gemeint, sondern eben der Ehebruch bei Weiterbestehen einer Ehe – regelt unser Zusammenleben. Diese Verletzung ist immer auch eine schwere Verletzung der Ehebrechenden und schwächt die Gesundheit, zerstört die universelle Verbundenheit, die als Glück erlebt wird.

Das Christentum versucht die Regeln für eine funktionierende Gesellschaft zu etablieren. Die griechische Mythologie enthält nicht diese klaren Regeln und widerstrebt dem Monotheismus, der ein Fortschritt in der Evolution der Menschheit war und ist, denn das Vollkommene wird als Einheit verstanden und nicht als Vielheit der Beliebigkeit. Der eine Gott ist sicher schwerer zu erfassen als die griechischen vermenschlichten Götter. Die Offenbarungsreligion beinhaltet ein tieferes Verständnis. Es sind nicht die ungebändigten Naturkräfte, sondern das einsichtsvolle Ich, das diese Regeln akzeptiert und damit erst die Grundlage für eine Gesellschaft  schafft.  Hier ist eben nicht alles erlaubt, unterliegt den Vernunft- und Verstandesbegriffen. Das gilt auch für die Theologie. Leidenschaft, die nicht glücklich macht, weil sie sich an nichts hält, nicht im Einklang mit Moral steht, zersetzt die Ordnung und damit den Geist. Sich selbst und andere zu verletzen durch seine Triebkraft schafft ein Klima der Gesetzlosigkeit, das auf die Person zurückfällt, die sich nicht in Verbundenheit mit der Umwelt erfährt, sondern als ihr Gefährder dasteht. Der Mensch wird krank, wenn er nur Widerstände erfährt und seine Leidenschaft nicht unter Kontrolle hat. Die Kontrolle zu verlieren mag eine gewisse Inspiration sein, aber führt nicht zum Glück des Eingebettetseins in eine Gesellschaft. Die Trennung von dieser verwirrt und belastet den Liebenden bis zur Aufgabe der Verbundenheit für eine Zweierbeziehung, die sich nicht erfüllt in einer Ehe. Tragisch sind die widerstreitenden Kräfte, die jede Einheit und Akzeptanz unmöglich machen  Das Verbotene zersetzt die Vernunft und damit auch die Grundlage vernünftiger Verständigung mit dem Umfeld. Die Vereinzelung im Moralbruch schwächt die Integrität und Identität.

Der Dichter hält sich an nichts, was die Natur- und Seelenkräfte mindern könnte, sondern schöpft aus der Kraft der Sinnlichkeit, Worte für Gefühle zu finden. Wer die Welt so erfasst und das Empfinden des Schöpferischen loslöst von allen Regeln, der appelliert an die Sehnsucht des Unbedingten in der Individualität, aber nicht an den Zusammenhang. Die Unmittelbarkeit des Ausdrucks zählt mehr als der Konsens und überreizt die Sinne. Wer sich in diese Empfindungshöhe begibt, geht das Risiko der Entrüstung ein.  Hegel, mit dem Hölderlin in einer Wohngemeinschaft lebte,  sprach kein Wort mehr mit dem Dichter, der sich über alle Schranken hinwegsetzte, aber wohl nicht die Nerven für diese Herausforderung besaß. Hölderlin kam mit 36 Jahren  in die Psychiatrie nach dem Tod von Susette Gontard. Bei beiden überwog das Leiden die Liebe und zerstörte ihre Gesundheit. Wir können heute Ehen auflösen, wenn sie nicht seelenverwandt sind. Sterben oder erkranken muss daran heute keiner mehr. Die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte Hölderlin mit einer psychischen Erkrankung. Das Tragische selbst zu erleben, ist nicht mehr Inspiration, sondern Hemmung der Lebenskräfte.

Es gibt allerdings kein Recht, den genialen Dichter und seine Werke zu pathologisieren. Hölderlin bezahlte einen hohen Preis für seine literarischen und philosophischen Einsichten. Kreativität kann mit einer Überspanntheit einhergehen, die als „verrückt“  kategorisiert wird.  Außergewöhnliche Themen verlangen nach einer besonderen Sicht der Dinge, die der Alltagsverstand nicht bieten kann. Sich selber aber in Ausnahmesituationen zu begeben, ist das Risiko. Wie schwierig eine Annäherung an Gott sein kann, thematsiert Thomas von Aquin in Summe der Theologie.

Thomas von Aquino: Summe der Theologie. Stuttgart 1985

Der freie Wille

Die Frage nach der Willensfreiheit ist ein Dauerproblem im Diskurs. Er ist schwer zu beweisen und bleibt doch ein notwendiges Existenzial für unsere Gesundheit.

In vielen Diskursen geht es darum, den freien Willen zu bestreiten. Jede sogenannte Freiheit sei bedingt, auch wenn es sich anders anfühlt. Tatsache ist, dass wir vor allem durch negative Erfahrungen determiniert sind, so dass der freie Wille kaum möglich erscheint. Ich, das Selbst, wäre lediglich ein Produkt der Erlebnisse. Was ich auch tue, es scheint bedingt zu sein. Wenn etwas bedingt ist, habe ich nicht die Verantwortung für das, was ich will. Diese pessimistische Sicht erläutert auch Peter Bieri in Das Handwerk der Freiheit. Unterliege ich einer Ursache- Wirkungskette handle ich nicht aus Freiheit, sondern aus einem Zwang heraus. Dagegen spricht nicht nur die Empfindung von Freiheit. Ich kann bei genügend Abstand zu mir selbst, der durch Überlegung und Psychotherapie erreicht wird, sehr wohl aus Freiheit eine neue Ursache setzen und damit eine andere Ursache-Wirkungskette in Gang setzen, die die moralischen Regeln berücksichtigt. Die Kunst besteht darin, die Determinierungen zu durchschauen und sie durch den freien Willen zu überwinden, den ich mir erarbeiten muss.

Bestreite ich den  freien Willen, bleibt auch die Verantwortung fragwürdig. Die sollte man sich aber nicht nehmen lassen, denn ich gebe damit die Macht ab, über mich selbst zu bestimmen. Sich als Opfer der Umstände zu entschuldigen, macht mich zu einem unfreien Menschen, dessen Nachdenken zu keiner Befreiung führt. Es ist ein Fortschritt in der Entwicklung und Reifung herauszufinden, was mein Selbst wirklich will und was nur Konditionierung durch Umstände und Umwelt ist. Freiheit von diesen Bedingungen erleben wir als gelungenes Leben, aber immer nur in Konsens mit der Umwelt, die Regeln vorgibt, nach denen wir uns zu verhalten haben. Freiheit beinhaltet nur bedingt, auch das Schlechte zu wollen, denn das führt zur massiven Einschränkung meiner Freiheit. Mein Wille ist durch die Vorgeschichte nur bedingt beschränkt. Ich habe die Wahl, mich als Opfer der Umstände zu betrachten oder als handelndes Subjekt, das die Dinge verändern und Negatives überwinden kann. Somit ist Freiheit nicht nur ein Gefühl, dem nichts entspricht, sondern Möglichkeit in einem Selbstbestimmungsprozess der Überlegung und Distanzierung von den Determinanten, die ich erkennen muss und die eventuell gar nichts mit mir zu tun haben. Freiheit muss man sich also erarbeiten durch Nachdenken darüber, wo mich andere nur konditioniert haben und wo mein Spielraum für Veränderungen liegt. Krankheit ist oft eine Festsetzung der Opferrolle, in der ich nicht zum Akteur geworden bin, ich nicht anders handeln kann, als die Vorgeschichte es vorschreibt.

Jeder kann behaupten, dass er nicht die Verantwortung für seine Taten übernehmen kann, weil er nicht frei war. Da Freiheit aber ein Wesensmerkmal für mich als Person ist, funktioniert diese Ausrede nicht.  Negative Erlebnisse schränken den Handlungsspielraum vehement ein. Wenn ich mich aber als freies Wesen verstehe, habe ich die Möglichkeit, mich herauszuarbeiten aus dem virulenten Kreislauf der Wiederholungen. Das mag tautologisch klingen. Wenn wir aber sinnvoll von Freiheit sprechen können und wir alle intuitiv wissen, worum es dabei geht, scheint Freiheit ein Existenzial zu sein, dem wir uns annähern können, so dass die Vorgeschichte etwas ist, das wir verlassen können, um die eigenen Möglichkeiten wieder zu erweitern gegen jeden Versuch, alles zu determinieren oder Freiheit zu leugnen als einen Begriff ohne Sinn. Er ist ein Orientierungsbegriff, der uns aus der Falle holen kann, Gründe für fehlende Freiheit zu nennen. Sicher, negative Erfahrungen sind oft tief im Gehirn gespeichert und lassen uns nicht so ohne weiteres los. Wir zitieren immer wieder unsere Opferrolle, bis wir sagen: Ich kann gar nicht anders, ich begebe mich in mein Schicksal und eröffne keine neuen Räume der Entdeckung und der Erleichterung durch die Einsicht, dass ich anders kann, wenn ich will und mich entscheide und entschließe, mich zu ändern und mehr Verantwortung für mich zu übernehmen.  Die Selbstentdeckung ist immer ein Abenteuer. Identität kann neu beschrieben werden und so eine neue Lebensqualität initiieren gegen Zwänge, die nur die Unfreiheit aufrecht erhalten, die nicht zur Identität führen. Identität ist durch Freiheit gekennzeichnet, für die ich mich erkenntnismäßig anstrengen muss. Wer Zwängen und Determinierungen unterliegt, der kann den Sinn von Freiheit schlecht einsehen, Dinge zu lassen und zu tun, die mein Personsein befördern.  Je weniger ich über mich selbst weiß, desto unfreier lebe ich. Lösungen sind dann die Rettung, wenn ich mir als Person näher komme – manchmal gegen die Erlebnisse, die ich machen musste und die mich unfrei gemacht haben. Der gesunde Mensch ist frei, denn er lässt sich nicht unterwerfen und gibt sich nicht einem Diktat der Notwendigkeiten hin.

Peter Bieri:  Das Handwerk der Freiheit. München 2001 (Carl Hanser Verlag)

 

Der Nobelpreis

Das Paradoxon der Abschreckung ist ein Pulverfass

Bertha von Suttner war nur zwei Wochen im Dienst als Privatsekretärin bei Alfred Nobel, woraus eine lebenslange tiefe Freundschaft -dokumentiert in Briefen – wurde zwischen dem Dynamit-Erfinder und der Pazifistin, die mit ihrer Schrift „Die Waffen nieder“ großes Aufsehen erregte. Alfred Nobel wurde vom schwedischen König abberufen, wodurch ihre platonische Liebe zu Alfred Nobel durch Heirat mit Arthur von Suttner ausgesetzt  wurde. Alfred Nobel hat seinen Weggang später zutiefst bedauert. Beide liebten die Bücher und verstanden sich auf Anhieb, teilten denselben Humor und waren Seelenverwandte. Dass die Erfindungen für den Krieg instrumentalisiert wurden, war Alfred Nobel nicht recht. Er war Wissenschaftler und experimentierte mit Stoffen, die für den Berg- und Tagebau gedacht waren und nicht für die Zerstörung von Leben. Bertha von Suttner erlebte den russisch-türkischen Krieg und seine Grauen unmittelbar und wurde so für dieses Leiden sensibilisiert, die sie in ihrer journalistisch Arbeit thematisierte.

Bertha von Suttner und Alfred Nobel verabscheuten die Dummheit. Krieg ist die Abwesenheit der Vernunft und löst kein einziges Problem. Deshalb investierte Nobel sein Vermögen in die Vermeidung von Krieg und der Instrumentalisierung seiner Erfindungen für militärische Zwecke.. Ähnlich erging es auch Einstein, wodurch sich die Frage stellt, was die Entwicklung von Waffen angeht, die darauf aus sind, möglichst viele Menschen  zu töten, anstatt den Krieg als etwas zu Grausames zu verhindern. Wir leben heute mit der Bedrohung durch Atomwaffen mit enormer Reichweite der Zerstörungskraft. Beiden Wissenschaftlern lag an der Abschreckung wegen dieser Folgen für die Menschheit. Die derzeitigen Waffen könnten die ganze Welt vernichten, werden aber nicht aufgegeben , sondern als permanente Drohung erhalten. Der Mensch ist in seinem Wesen eben kriegerisch und weniger pazifistisch – so zumindest sieht es die Politik. Der Frieden ist eher ein Sitz auf dem Pulverfass und damit keine Selbstverständlichkeit. Wir sind abhängig von einer Weltvernunft, die das Schlimmste verhindern muss und nie wieder zu Atomwaffen greift. Aber die Erfindungen von Alfred Nobel werden in Kriegen dieser Welt eingesetzt und verursachen großen Schaden.

Das Paradox besteht darin, dass 1905 der Nobelpreis für Frieden an Bertha von Suttner ging – gestiftet von Alfred Nobel, der sich damit gegen den Einsatz von Nitroglycerin für Kriegszwecke ausgesprochen hatte und die Friedensbewegung damit unterstützte. Die Stiftung konnte aber nicht den Verbot ausrichten. In gewisser Weise wird der wirtschaftliche Reichtum durch die Herstellung von Dynamit für die Finanzierung des Friedensnobelpreises herangezogen, was  ziemlich widersinnig ist. Mit Waffen wird ein Milliardenvermögen stabilisiert, deren Abschreckungspotenzial heute gegen Null geht. Es bleibt die Frage, wann es einen Nobelpreis für die Abschaffung von Waffen geben wird. Dafür muss sich Politik und Gesellschaft evolutionieren. Bisher ist sie primitiv, was die Austragung von Gegensätzen betrifft. In der Relativierung der Synthese liegt alle Hoffnung auf Bereinigung von Konflikten gegen die Schwarz-Weiß-Malerei. Weder reiner Kommunismus noch reiner Kapitalismus sind die Heilsbotschaften für unser Zusammenleben. Extreme gefährden den Frieden. Wir sind angehalten, uns zu verständigen in einem immer währenden Annäherungsprozess auch an die Wahrheit. Die freundschaftliche Liebe zwischen Bertha von Suttner und Alfred Nobel war erst der Anfang einer weitreichenden Fragestellung, was den Frieden wirklich sichert.

Hochsensibilität ist keine Krankheit

Hochsensibilität ist Chance und Gefährdung zugleich. Luca Rohleder versucht dem Phänomen ohne Pathologisierung auf den Grund zu gehen. Hochsensible haben oft Schwierigkeiten im Arbeitsleben, was an der Intensität ihrer Informationsverarbeitung liegt, die Normalsensible gar nicht nachvollziehen können. Erstere leben in einer Welt des höheren Wissens, das aber oft durch Störungen aller Art blockiert sein kann.

„Es ist ein typisches Anzeichen für Hochsensibilität, permanent auf der Suche zu sein“ schreibt Luca Rohleder, der von drei verschiedenen Ichs ausgeht: dem Neugeborenen-Ich, dem Erwachsenen-Ich und dem Höheren-Ich in Anlehnung, aber auch Vermeidung der freudschen Terminologie. Das Neugeborenen-Ich bleibt beim Hochsensiblen sehr verletzlich und fühlt sich bei Ablehnung, Ignoranz, Herabsetzung und schwerer Beleidigung lebensbedrohlich gefährdet. Die damit verbundene Angst ist immens und kann auch den Betroffenen sehr schädigen, wenn er sich im Laufe des Lebens nicht etwas desensibilisiert, um sein Erwachsenen-Ich besser durchzuhalten gegen Angriffe und schlechte Beeinflussungen aller Art. Er muss sich wohl und sicher fühlen, dann wird sein Höheres-Ich aktiv und er hat Zugang zu einem Wissen, das den meisten Menschen verschlossen bleibt. Es ist auch die Sphäre des Intellekts, des Geistes, der Spiritualität, die aber nicht selten überreizt wird und auch hier zu Krankheiten führen kann, wenn derjenige sich nicht immer auch erdet und das loslässt, was ihn belastet.  Dies gelingt ihm eigentlich gut über die Erreichung des Höheren-Ichs, das auch alle untergeordneten Instanzen transformiert und zu einer weisen und reifen Persönlichkeit führen kann, die viele außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt und einsetzt. Hierbei kommt es eben auf die überdurchschnittliche Sensibilität an, durch die sie auch Einblicke in andere Menschen und deren Verfassung erhalten, was nicht immer erfreulich ist: „Sie sind aufgrund ihrer Intuition förmlich gezwungen, auch die dreckige Wäsche ihrer Mitmenschen zu waschen“ so Rohleder.

Notwendige Bedingungen

Der Hochsensible steht nicht selten unter Beschuss wegen seiner Beobachtungsgabe und der Fähigkeit, Dingen auf den Grund zu gehen. Selbstachtung und die Entwicklung eines stabilen Selbstbewusstseins sind deswegen notwendige Bedingungen für den Erhalt der Gesundheit und für die Entwicklung eines messerscharfen Verstandes, der Situationen analysiert. Sie müssen aber mit ihrem Gehirn fürsorglich umgehen und sich immer wieder erden durch Bewegung und Loslassen. Rohleder bescheinigt Hochsensiblen einen Zugang zur Unsichtbaren Welt, die höheres Wissen beinhaltet. Harmonieverständnis, Gewissenhaftigkeit und Gerechtigkeit treiben sie an, aber auch Freiheit, Eigenverantwortlichkeit und ein Leistungsdenken, das aber einer gewissen Führungshaltung entspricht. „Erleben Sie als HSP (hochsensible Person) demnach Unfreundlichkeit, Grobheiten oder Unmenschlichkeit, wird bei Ihnen eine körperliche Bedrohungskonstellation ausgelöst, die ihresgleichen sucht“.  Das Potenzial aus der unsichtbaren Welt wird nur dann wirksam, wenn sich der Hochsensible sicher, verstanden  und wohl fühlt. Hier erhält er Informationen von anderen, die nonverbal vermittelt werden. Blitzschnell kann der Hochsensible diese Daten einordnen. Dafür muss er selbst auch sehr gut geerdet sein, damit diese Daten ihn nicht beunruhigen oder aufregen. Jedenfalls lebt er gern in seiner geistigen Welt der Informationsverarbeitung.

Einsatz für die berufliche Tätigkeit

Luca Rohleder spricht von einer Berufung für Hochsensible, die im normalen Arbeitsleben nicht so gut zurecht kommen, oft auch komplizierte Lebensläufe haben. Damit das Leben für Hochsensible gelingt, sollten sie sich um Dinge kümmern, die das Leben verschönern und bereichern. Es ist der Entwicklungs- und persönliche Wachstumsbereich, der sie interessiert und für den sie sich auch engagieren in Bezug auf andere. „Die Kreativität von HSP umfasst nicht nur die Künste, sondern die volle Bandbreite aller privaten und beruflichen Situationen“. Sie möchten erfinden, verbessern und optimieren, aber das gelingt nur bei einer gewissen Sorgen- und Angstfreiheit, d.h. das Neugeborenen-Ich muss beruhigt sein. Durch Emotionen erdet sich der Hochsensible im Kontakt mit der sichtbaren Welt. Um sich selbst zu schützen, muss er heilige Zonen des störungsfreien Rückzugs schaffen. Von einer beruflichen Selbstständigkeit rät Rohleder zunächst ab, weil die Verletzlichkeit zu hoch ist und die Unsicherheit den Kanal nach oben blockieren könnte.  Sie machen sich mehr Gedanken auch im Sinne von Zukunftsängsten als der normalsensible Mensch, was zu instabilen Situationen führen kann. Das Beste wäre nach Rohleder, der Hochsensible würde etwas erfinden, das ihrer Gefühlstiefe entspricht.  Es ist deswegen auch zu raten, Gedanken zu Papier zu bringen als eine Art Meditation, damit sie aus dem Kopf verschwinden und sie sich aus belastenden Verstrickungen befreien können. Der Hochsensible braucht  interessante und kreative Kontakte, die ihn in Form von neuen Projekten und Entwicklungen herausfordern auch für die Lebensfreude.  Die Persönlichkeitsentwicklung hängt auch von den Ideen ab und den Kontakten, die zu ihm passen müssen, damit er nicht belastet wird und sein Potenzial im Kontext des höheren Wissens versiegt. Die Erlösung oft nach einem langem konfliktreichen Leben erfolgt dann meistens über den unerschütterlichen Glauben an sich selbst im Kontakt mit einer spirituellen Sphäre, die das Urvertrauen wieder aktiviert gegen „energetische Schmarotzer“. Das sehr hilfreiche Buch von Luca Rohleder ist leicht verständlich und ansprechend geschrieben. Es ist ein hoffnungsvolles Buch von einem hochsensiblen Autor für die Bewältigung eines komplexen Phänomens.

Luca Rohleder: Die Berufung für Hochsensible. Die Gratwanderung zwischen Genialität und Zusammenbruch. Leipzig Dielus Edition. 2017 4. Auflage

 

 

Das höhere Bewusstsein

Diese Welt ist voller Konflikte und Ambiguitäten. Wir sind Angriffen und Existenzstress ausgesetzt, der extrem schädlich ist, was mittlerweile wissenschaftlich bewiesen ist. Niemand darf sich solche Unterminierungen der eigenen Existenz gefallen lassen. Zunächst aber gilt es, die eigene Gesundheit zu schützen und in die Sphäre des höheren Bewusstseins einzutreten.

Wer es gelernt hat, sich selbst zu retten in einen Bereich der spirituellen Unverletzbarkeit, der hat die Quelle der Selbstheilung erreicht. Dafür müssen wir ganz nach oben ins höhere Bewusstsein. Von dort aus hat man die Gelassenheit, den Über- und Durchblick für eine bessere Orientierung. Diesen Kanal darf man sich durch nichts und niemanden blockieren lassen. Die meisten Menschen erreichen diese Sphäre nicht, weil sie nicht gesucht wird und nichts für ihre Instanz getan wird. Sie fällt selten vom Himmel, wir müssen an ihr arbeiten. Diese Sphäre zieht eine andere neue Ordnung nach sich, die mehr Wahrhaftigkeit und Sinn beinhaltet. Wir bekommen hier das Adlerauge, das von oben schaut und erkennt, was in den untergeordneten Sphären stattfindet. Diese Schau darf ruhig verteidigt werden gegen Angriffe aller Art, denn sie lässt tiefer blicken und ermöglicht so einen Zugang zum höheren Wissen.

Das Ding an sich

Kant meinte, wir wären auf unsere Anschauungsformen und Begriffe reduziert und könnten das Ding an sich nicht erkennen, was unser Erkenntnisvermögen determiniert. Aber es gibt einen Bereich der Erkenntnis, der sich nicht über die Wahrnehmung erhebt, sondern sie sensibilisiert und verfeinert. Es ist ein Bereich sehr subtilen Information, für die wir empfänglich werden und die wir uns dann bewusst machen müssen. Diese Annäherung an die Wahrheit beschreibt auch James H. Austin in seinem Buch Zen-Brain-Reflections. An diesen Punkt der Erkenntnis kommt man nicht unbedingt erst nach langer Meditationspraxis, sondern auch über den Weg der inneren Befreiung von Blockaden mit Hilfe von Hatha- und Raya Yoga. Ich stoppe hier den schädigenden und blockierenden Gedankengang und erhalte die Offenbarung von oben. Diese Sphäre führt in eine Welt der Ruhe und der Besonnenheit nach Aufregungen aller Art, die den Kanal nach oben schwer beeinträchtigen und in die Stresserkrankung führen. Auf diese Sphäre kann sich jeder verlassen, der sie begreift und als Existenzial annimmt. Alles Kleinliche und Einschränkende hat in ihr keinen Platz. Sie ist der Ort der inneren Freiheit und des Friedens. Sie ist hoch spirituell und verweist auf ein höheres Dasein, das seine umfassende Liebe bezeugt im Augenblick der Not, die uns oft andere Menschen bescheren. Man findet diese Sphäre auch nicht unbedingt in einer Kirche, sondern überall, wo man geschützt ist vor den Ein- und Übergriffen einer allzu profanen Welt, in die wir nicht allzu absteigen sollten, um nicht den Halt zu verlieren.

Dünne Luft

Der vertikale Weg nach oben ist der sichere, denn Menschen versagen zu oft und versagen auch immer wieder, haben auch ein Interesse an Unterminierung des höheren Bewusstseins, weil sie sich hier nur durchschaut fühlen. Doch kein Amt und keine öffentliche Würde schützt vor diesen Einblicken aus einer Warte der Losgelöstheit von allzumenschlichen Bedingtheiten. Wir befinden uns hier in einem Reich der Klarheit, die eigentlich mehr Lebensqualität bringen sollte durch Unterscheidung und Differenzierung, so dass wir uns anders begegnen können. Der entsprechende Dialog kann nicht die Ungerechtigkeiten und Unerträglichkeiten beseitigen, aber er kann sich distanzieren auch von sich selbst und wird hier unverwundbar und offen für die heilenden Botschaften aus der Welt des universalen Wissens, durch das wir im Hier und Jetzt die Dinge in Frage stellen und bestenfalls auch verändern können, um nicht unpolitisch zu werden. Wir klagen an und lassen uns von einer Kraft führen, die jedem zur Verfügung steht und in die uns Theologen hineinführen und begleiten sollten, denn es ist nichts anderes als der heilige Geist, der uns umgibt wie eine Schutzmauer vor dem Unrat und dem Unvermögen der Welt, die uns sonst verzweifeln lässt. Dieses innere Bergsteigen muss sich bewusst werden, dass die Luft dort oben dünner wird.

James. H. Austin: Zen-Brain Reflections. London MIT Press. 2006

 

 

Die Kunst des klaren Denkens

Schon zu Beginn des Jahres findet man wieder  in etlichen Artikeln eine Reihe von merkwürdigen Behauptungen gegen den gesunden Menschenverstand, die darauf schließen lassen, dass der Schreiber nicht nachgedacht hat. Bringen wir ein wenig Licht in das Dunkel.

So wurde behauptet, Tagträumerei hätte etwas mit hoher Intelligenz zu tun… Hohe Intelligenz hingegen ist Wachheit und Bewusstheit  und richtet sich neugierig auf die Welt, die sie erfassen und begreifen will. Wahrheit sucht man in inneren Bildern vergeblich und entsprechend realitätsfern sind auch ihre Vertreter und Anwender. Dieser Eskapismus hat schwerwiegende Folgen für das Zusammenleben, denn an Subjektivität ist diese Vorstellungswelt nicht zu überbieten. Auch geht von ihr keine wahrhaftige Beruhigung aus, sondern verleitet nur dazu, die Welt zu verfremden, anstatt sie zu durchdringen. Sie kann wegen der hohen Diskrepanz von Wirklichkeit und Vorstellung in die Depression führen wegen hoher Frustration. Diese unsere Welt ist nicht perfekt und sie ist extrem ungerecht, aber wir haben den Auftrag, sie zu gestalten und zu verbessern – selbst das eigene Leben Tag für Tag und Schritt für Schritt. Der Rückzug in die innere Welt ist eine Verführung, die die Wahrnehmung bzw. die Sinne beeinträchtigt und der Wahrheit gewissermaßen im Wege steht. Auch die Selbstreflektion wird so behindert, denn sie setzt sich nicht mehr objektiv mit den eigenen Gegebenheiten auseinander. Intelligenz ist die reale Verarbeitung externer Informationen auch für die eigene Entwicklung, die nie zum Stillstand kommen darf.

Die sogenannte emotionale Intelligenz

Ein weiterer Punkt wäre die emotionale Intelligenz, die ohne einen hohen IQ nicht zu haben ist. Menschen, mit denen man eine wichtige Angelegenheit zu besprechen hat und die jede Antwort verweigern, weil man mit ihnen nicht auf der gleichen Wellenlänge ist, verwechseln den EQ mit der Erstarrung, das Kritisierende nicht mehr zuzulassen, weil man sich in seiner Welt eingerichtet hat und nun nicht mehr wirklich ins Denken kommen will. Philosophie und Denken sind auch nicht identisch. Karl Marx schrieb: „Philosophie und das Studium der wirklichen Welt verhalten sich wie Onanie zur Geschlechtsliebe“. Das mag viele erschüttern, ist aber auch ein Teil der Realität,  mit der man sich auseinandersetzen muss. Wahrheit finden wir nicht unbedingt in irgendeiner Disziplin, sondern nur im interdisziplinären Diskurs, in der genauen Beobachtung und Wahrnehmung und in unserer geübten (!) Intuition. Es ist auch nicht die emotionale Intelligenz, die uns neue Bekanntschaften machen lässt, sondern es sind die entsprechenden Gelegenheiten. Die soziale Dimension der Teilhabemöglichkeit am gesellschaftlichen Leben entscheidet darüber, ob ich Menschen finde, die gerne in den Diskurs treten, weil sie offen und wach mit den Problemen der Welt umgehen.  Ausschlussverfahren dürfen nur dann vorgenommen werden, wenn Menschen unverbesserlich an ihren störenden Verhaltensweisen festhalten, die die Realität vorsätzlich verzerren und deshalb nicht erträglich sind. Das sind die sich selbst verherrlichenden Solipsisten und Narzissten, die das Licht der Wahrheit scheuen und damit auch den Diskurs, der ohne Herausforderung eben nicht zu haben ist. Aber viele Menschen geben im Grunde auf und konfrontieren andere mit einer Unbeweglichkeit, die für Beteiligte in die Ohnmacht führen kann.

Gegen die Depression

Wie wichtig es ist, gedanklich und kommunikativ in Bewegung zu bleiben, zeigt uns auch der Selbstmord von Ari Behn, dem sympathischen Mann von Märtha Louise von Norwegen. Hinter schweren Depressionen stecken oft gedankliche Sackgassen, in die auch Menschen andere hineintreiben und schwere Krankheiten dadurch verursachen können. Die deregulierte Gehirnphysiologie ist nur ein Symptom für ein viel tiefer liegendes Problem. Nein, es kostet nichts, sich zu öffnen für die Sorgen eines anderen, wenn sie vor allem auch von allgemeinem Interesse sind. Das Wesen einer Erkrankung ist ja nicht selten das Leiden an der Welt, wie sie ist. Durch Tagträumerei können wir sie nicht ändern, aber durch hohe gedankliche Beweglichkeit, die immer auch eine körperliche Dimension hat gegen die vielen sichtbaren Blockaden und Gestautheiten von Menschen. Der Geist formt und gestaltet auch den Körper für den freien Fluss der Energien (gut erreichbar durch Yoga), die eine sympathische und empathische Offenheit und Neugier ermöglichen gegen den Sog der Vorurteile und negativer Erwartungen. Viele Menschen haben sich viel vorgenommen für das neue Jahr. Wir sind Gottes Geschöpfe, weil wir beherzt die Probleme angehen, die uns weiterbringen können. Das einzusehen und zu unterscheiden vermag die emotionale Intelligenz. Die Veranlagung eines anderen Menschen kann ich nicht ändern, aber ich kann wach bleiben für das Anliegen eines Menschen und ihn auch menschenwürdig behandeln. Wo ich überfordert bin, äußere ich das entsprechend. So kommen wir der Wahrheit eben doch Tag für Tag etwas näher und trennen uns auch manchmal von Unerträglichkeiten. Wir müssen Grenzen ziehen gegen schwere Grenzverletzungen, aber wir bleiben trotzdem ganz allgemein offen. Das ist die ganze Kunst. Und wir klären auf und korrigieren, ja streiten, wo dies nötig ist. Dieser Prozess ist nie abgeschlossen. Verpassen wir also keine Bretter vor den Kopf, sondern ebnen den Weg zu mehr Gerechtigkeit. Wahnsinn ist die Verunmöglichung von Offenheit in vertikaler und horizontaler Richtung.

Ein waches, bewusstes und kommunikatives neues Jahr!

Die Suche nach der Identität

Die Frage nach der Identität ist eine, die im Zuge der Individualisierung in den Vordergrund unseres Daseins getreten ist. Sie ist eine Kategorie des Seins und der Reflektion sowie der Arbeit.  Der promovierte Diplompsychologe Hermann Rühle nähert sich in seinem Buch ‚Was bin ich? Wie bin ich? Wozu bin ich?‘ dem schwierigen Thema an, indem er zunächst die misslungenen Formen der Identität aufdeckt, um dann zu den Bedingungen der Entwicklung einer wahren Identität  vorzudringen.

Grundsätzlich ist der Autor ein Zweifelnder und behält sich vor, dass sein Geltungsbedürfnis nicht seinen Fähigkeiten entsprechen könnte. Aber der Mensch und seine Ressourcen wachsen an den Herausforderungen. Nichts ist statisch. Und wir brauchen beides: kritisches Vermögen und Selbstvertrauen. Die Fehlformen der Identität dienen der Abgrenzung gegenüber unseren normalen und gesunden Seinsweisen, die wir uns im Laufe des Lebens in Auseinandersetzung mit anderen so erarbeiten. Wir erkennen bestenfalls, was wir nicht sind, aber wir haben auch Schwierigkeiten zu erfahren, wer wir in Wahrheit sind, so dass wir bei uns selbst sein können. Der Narzisst, der Hochstapler und der Größenwahnsinnige haben als Identitätsgestörte den Bezugsrahmen verloren oder nie gehabt und leben hinter der Fassade des Scheins mit einer „inneren Hohlheit“, so Rühle, die anderen auf die Nerven geht. Sie alle sind sich ihres Soseins im Grunde unsicher und kompensieren diese Unsicherheit damit, dass sie sich mit Menschen umgeben, die nicht hinter ihre Fassade schauen, denn hier lauert die Bedrohung ihrer Existenz. Der Narzisst umgibt sich nur mit Menschen, die vermeintlich sein Prestige vermehren und tritt nach denjenigen, die ihn kritisieren und infrage stellen. Seine Arroganz und Überheblichkeit mündet nicht selten im  Machtmissbrauch und Herabsetzung anderer in heilloser Selbstüberschätzung, die für andere unerträglich ist. Er reagiert nicht auf Kritik, da sein schwaches unterbewusstes Selbstwertgefühl dem bewussten nicht entspricht. Diese Spezies ist mit sich selbst nicht im Reinen und lässt daher andere leiden. Unser Zusammenleben wird durch diese Fehlentwicklungen schwer gestört und beschädigt.

Die Phasen der Identität

Der Autor will den Leser auf den Weg der Selbsterkundung bringen, um zu einer gesunden und tragfähigen Identität zu kommen, die ja nichts Festgelegtes ist und an der man arbeiten kann, indem man sich Ziele setzt und diese auch verwirklicht. Die meisten Menschen beschränken dieses Wirken auf ihren Beruf, aber auch die bewusste Reflektion kann Klarheit darüber schaffen, wodurch man den Sinn seines Lebens findet. Identität ist nicht nur Status und Ansehen, sondern es sind die inneren Werte, die wir dann nach außen hin leben. Gegen alle Formen der Selbstüberschätzung, die Probleme verursachen, rät Hermann Rühle zur Abklärung Gespräche mit anderen. Ein gesundes Selbstbewusstsein erträgt Kritik, um auch die eigene Reifung und Entwicklung zu befördern. Zu viel Selbstkritik schadet allerdings dem Selbstwertgefühl. Der Autor stützt sich unterhaltsam und informativ auch auf die Phasen der Identität nach Erik H. Erikson, die sich im Laufe des Lebens verändern. Identität wird von vielen Menschen sehr unterschiedlich beurteilt und ist vor allem durch den Wandel gekennzeichnet. Sie ist im Fluss, wie sie der Dalai Lama beschreibt. Oft muss sie auch korrigiert werden, wenn sie auf den Holzweg führt. Ich bin das, was ich aus mir mache und was ich denke. Reine Anpassung führt nicht zu einer gelungenen Identität, denn sie muss auch intrinsisch motiviert sein. Identität ist eine Wahrheitssuche unter sich ständig verändernden Bedingungen.

Der Weg der Selbsterkenntnis

Hermann Rühle stellt deshalb eine Reihe von Fragen an den Leser, der sie schriftlich im Buch vorerst beantworten sollte, um dann im Ausweiten der jeweilig eigenen Autorenschaft weitere Selbsterkenntnisse zu gewinnen. Die schriftliche Ausarbeitung ist Bewusstseinsarbeit. Sein Buch ist eine Einführung und Anleitung für den Prozess der Selbsterfahrung, die nie abgeschlossen ist. Und in einer Zeit der hohen Herausforderungen müssen wir wissen, wer wir sind, was wir sein wollen und was die eigene Berufung sein könnte. Die Zeiten der Fremdbestimmung sind eigentlich vorbei. Jeder sollte sich auf das Abenteuer der Selbsterkundung begeben, um zu einem sinnhafteren und erfüllteren Leben zu kommen, das psychisch und körperlich gesund erhält. Dafür muss ich meine Fähigkeiten genau kennen, um nicht an mir selbst vorbeizuleben und andere zu täuschen. Eigentlich kann ich mich nur mit anderen gut verständigen, wenn ich selbst authentisch und wahrhaftig bin. Ansonsten erreichen Gespräche keine Tiefe, da ich nicht mit mir selbst in gutem Kontakt stehe. Wie sollen dann andere den Kontakt herstellen können? Jeder sollte sich der Gestaltungsmacht bewusst werden, die der zu sich selbst Gekommene so einsetzen kann, dass sowohl sein Umfeld als auch er selbst davon profitiert. Rühle stützt sich auf die fünf Säulen der Identität nach Hilarion G. Petzold: Körper, soziales Netzwerk, Arbeit und Leistung, materielle Sicherheit sowie Werte und Sinn. An diesen Säulen können wir arbeiten, uns definieren und uns stabilisieren. Rühle warnt: Ruhm und Erfolg heilen nicht, wir müssen die Selbstarbeit betreiben, um uns mit uns selbst zu versöhnen. Dafür ist das Buch von Hermann Rühle eine sehr gute interaktive Einführung  in das Thema Selbstreflektion, durch die wir wachsen, wenn sie mit einem gesunden Selbstwertgefühl einhergeht.  Auch um Identitätskrisen vorzubeugen,  empfiehlt sich diese hilfreiche Lektüre bestens.

Hermann Rühle: Was bin ich? Wie bin ich? Wozu bin ich?. Wie ich erkenne, wer ich wirklich bin. Dielus Edition Leipzig. 2018

ISBN: 978-3-9819383-4-0

Quo vadis?

Die Kirche will laut Kardinal Reinhard Marx den synodalen Weg beschreiten auch für die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale. Aber ist sie wirklich bereit für Veränderungen und in welche Richtung? Eine De-Sakralisierung ist nicht erwünscht, aber hinter der Fassade befindet sich nur noch wenig Spiritualität.

Wenn man das doch eher voyeuristische Buch von Frédéric Martel liest, wird einem doch klar, dass die Mitglieder der Kirche doch sehr gewöhnliche – zum Teil eben auch kriminell – Menschen sind, die besser anderen keine Vorschriften in Bezug auf ihr Leben machen sollten. Da passt etwas nicht zusammen, denn nur wenn ich besser bin als der Durchschnitt, kann ich mich moralisch entrüsten oder auf moralische Mängel hinweisen. Eine Kirche, die Pädophile deckt, aber wiederverheiratete  Geschiedene sanktioniert, ist in ihrer Tiefenstruktur krank. Auch die Ultrakonservativen, die auf einer Konversionstherapie bestehen für die Überwindung der Homosexualität, sind nicht nur intolerant, sondern begreifen nicht die Berechtigung  der legalen Neigungen. Es kommt viel Unordnung in die Welt, wenn man erlaubte Neigungen nicht respektiert und Menschen in ihrem Innersten verändern will, denn Gesundheit bedeutet ja gerade die Akzeptanz der eigenen Neigungen auch gegen den Mainstream und gegen die Erwartungen anderer. Menschen, die zu einer unnatürlichen Haltung gezwungen werden, entwickeln meistens stark homophobe Einstellungen, die wiederum anderen sehr schaden. Wer nicht zu sich selbst kommen darf im Rahmen der Gesetze, der versagt es auch anderen, und so geht es dann virulent immer weiter.

Askese ist keine Schande

Man möchte der Kirche raten, Menschen zu mehr Authentizität zu verhelfen, um das zu sein, was sie sein wollen. In einer gerade durch den Kapitalismus und das Internet sexualisierten Gesellschaft – hier argumentiere ich gegen Max Weber- ist es nicht leicht, keusch zu leben. Auch das Verbot der Ehe mag zur Kriminalität ( Pädophilie) und einer Homosexualisierung beigetragen haben. Wir wissen, dass nicht jeder keusch leben kann und es auch einfach nicht will. Es kommt überall zu einem sehr unheilvollen Doppelleben auch unter Verheirateten, die eigentlich homosexuell sind, aber nach außen hin eben homophob. Die Verhältnisse sind sehr paradox und wenig überzeugend. Heilig sind eben nur ganz wenige, die sich dann auch für die Asexualität entscheiden können. Sexualität ist kein Grundbedürfnis, wird aber als solches behandelt. Man kann ohne sie leben, ohne Schaden zu nehmen oder neurotisch zu werden, wenn es eine bewusste Entscheidung ist, die aber Charakterstärke voraussetzt. Der Verzicht auf Sexualität wird mit einer besonderen Glücksfähigkeit belohnt, mit innerer Freiheit  und mit einem höheren Bewusstsein, das auf andere wirkt. Diese Präsenz war ein Teil des Charismas der katholischen Kirche und bröckelt nun dahin.  Die Sexualisierung ist im Vatikan angekommen. Vielleicht fehlt es den Vertretern der Kirche einfach nur an Liebe, die sich dann zu einem Bedürfnis nach Sexualität entwickelt, der einzig möglichen Form der Nähe.

Frauenordination als Lösung

Die Kirche befindet sich in dem Dilemma, das Zölibat aufgeben zu müssen, um für die Liebe Raum zu schaffen, aber andererseits an den Vorzügen der Keuschheit und des Zölibats festhalten zu wollen, das aber immer weniger Menschen beherrschen oder leben wollen. Der Philosoph Jacques Maritain und seine Frau Raissa lebten in ihrer Ehe in Keuschheit und wurden von der katholischen Kirche verehrt. Zu dieser Art Liebe, die nicht instrumentalisiert und nicht körperlicher Natur ist, sind die Wenigsten fähig. Man kann das nicht zum Maßstab machen. Sicher ist, dass von solchen Ehen eine Faszination ausgeht, eine Intensität der Verbundenheit. Auch hier sind wir mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Sexualität eben stark profanisiert. Sie zu etwas Spirituellem zu erheben, gelingt nicht, denn ihre Freuden sind sehr irdischer Natur., betreffen den Körper und nicht den Geist. Wie also könnte die katholische Kirche reagieren, wenn sie wieder zum Vorbild für Menschen werden will? Sie muss vor allem ihre Frauenfeindlichkeit überwinden und einsehen, dass nicht die Frau verführt, sondern der Mann seine Triebhaftigkeit kultiviert. Frauen sind eher zum keuschen Leben bereit und auch befähigt. Dieses Potenzial links liegen zu lassen, ist nicht nur nicht zeitgemäß, sondern eine Dummheit. Mit Frauen könnte sie das Zölibat retten und zu einer neuen Kultur der Emanzipation beitragen. Dagegen sind wiederum die fundamentalen Ultrakonservativen im Vatikan, deren Macht ungebrochen ist, auch wenn der Papst einen liberaleren Kurs fährt.  Jedem den Wunsch nach Sexualität zu unterstellen als freudianisches Erbe ist ebenso falsch wie sie zu leugnen. Es gibt sie, aber wir sind ihr nicht ausgeliefert. Keuschheit wird gesellschaftlich geächtet, aber kirchlich verehrt. Sie sollte etwas Freiwilliges und vollkommen Gewaltloses sein.

Transparenz schafft Vertrauen

Die Kirche und assoziierte Institutionen sind bekannt für ihre Verheimlichungen und Verweigerungen von Dialogen. Hintergrund hier sind meistens eigene Verfehlungen, die vertuscht werden sollen. Nicht darüber zu reden ist für diese Menschen wie eine Absolution. Doch funktioniert dieser Wunsch nicht, denn meistens kommt doch irgendwann vieles ans Licht und will dann eben auch bearbeitet werden, denn Menschen möchten nicht getäuscht werden. Wenn eine Kirche und ihre Vertreter auch in dubiose politische Verhältnisse verstrickt waren und sind, hat die Öffentlichkeit ein Recht, das zu erfahren, um sich dann auch zu fragen, welches Recht vonseiten der Kirche besteht, anderen moralische Vorschriften zu machen. Hier steht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Zurückgewinnen kann man sie nur, wenn man der Macht abschwört und die Wahrheit präferiert, die nur im ständigen Diskurs zu haben ist. Tradition und Moderne stehen dann nicht mehr unvermittelt und unversöhnt nebeneinander. Dieser offene Diskurs könnte sich auch heilsam auf die Kirche auswirken. Eine zu weit gehende Säkularisierung bedeutet eben auch eine De-Sakralisierung, was nicht gewollt sein kann. Affirmative Spiritualität ist auch eine Sphäre der Entwicklung, die vielfältiger sein kann, als sie zurzeit praktiziert wird.

Frédéric Martel: Sodom. Frankfurt am Main. 2019