Komplexität

Nicht nur hochdifferenzierte Zusammenhänge und Korrelationen werden als komplex bezeichnet. Die Komplexität enthält auch Widersprüche. Die können ontologischer Natur oder sprachlicher Natur sein. Ein Beispiel für sprachliche Probleme ist der Begriff der Allmacht Gottes und der damit verbundenen Frage der Theodizee, wie ein allmächtiger Gott so viel Leid zulassen kann. Vordergründig handelt es sich um einen Widerspruch. Definiert man Allmacht aber als das Vermögen, Menschen die Wahl und die Freiheit zu lassen, auch das Schlechte zu tun, sind Allmacht Gottes und Leid kein Widerspruch mehr. Die Allmacht bezieht sich nicht auf ein Einmischen, sondern auf einem Zulassen. Ohne Einsicht, Nachdenken und dem Willen zur Vollkommenheit wird der Mensch das Falsche und Schädigende tun. Für die Entwicklung von Vollkommenheit brauche ich den absoluten Geist, der mein Denken von den Widersprüchen und unvereinbaren Dualismen befreit. Gott kann nur für sich werben, aber nichts erzwingen. Die Einsicht in seine Existenz ist auf Offenbarung angewiesen.

Hegels Dialektik  kann auch als Emergenz aus einer widersprüchlichen Wirklichkeit bezeichnet werden. Die Synthese, die von der Einseitigkeit des thetischen und antithetischen Denkens befreit, kommt zu immer höheren Erkenntnissen über die Wirklichkeit, die in ihrer Vielfältigkeit nicht nur ausgehalten werden, sondern immer wieder neu verhandelt werden muss über ein höchstes Bewusstsein im Weltgeist (Gott). Das Steckenbleiben im Thetischen und Antithetischen führt zur Ideologie und nicht zur Wahrheit des Seins. Für Hegel ist jeder Begriff auch ein Sein, d.h. Ontologie und Transzendentalphilosophie sind miteinander verbunden und deswegen eine Einheit (anders als bei Kant). Letztlich muss aber immer Sprachanalyse betrieben werden, um die Ungereimtheiten zu beseitigen und so zu einem klaren Denken zu kommen, in dem man Widersprüche, so weit es geht, auflöst. Wir kommen damit also nie an eine Ende, nähern uns dem absoluten Wissen an durch ein dialektisches Denken, das Aufklärung beinhaltet. Komplexität will durchdrungen werden. Sie darf aber nicht relativieren, da wir sonst Recht und Ethik schwächen. Eigentlich denken wir, um die Fehler, die wir machen auch in politischer Hinsicht, zu beheben für eine gerechtere und durchschaubare Welt. Das absolute Wissen ist nichts Endgültiges oder Statisches, es ist ständig in Bewegung, abstrahiert eben  von der Begrenztheit des subjektiven Geistes. Die Überwindung von Gegensätzlichem gelingt in der Synthese, von der aus sich Entwicklung und Fortschritt auch im Denken erklären und begründen lässt.

Auch Sri Aurobindo spricht hinsichtlich der Synthese vom supramentalen Wissen, das das körperlich mentale Wissen übersteigt, und zu tiefen Einsichten führt, wenn man in der Lage ist, alles Ichhafte, das körperlich und materialistisch bedingt ist, zu überwinden. Sri Aurobindo greift also den Hegelschen Gedanken auf, dass die Vervollkommnung möglich ist und keine Utopie. Deutlich wird hier der Gedanke der Konstruktion von Wirklichkeit, die dem Menschen aufgetragen ist, Wirklichkeit eben nicht zu banalisieren und eindimensional zu betrachten, sondern sie so auszudifferenzieren, damit alles Sinnvolle, Gerechte und Gute in die Welt getragen wird, so dass Gott eigentlich als diese positive Komplexität begriffen wird, die aber nicht das Schlechte einbezieht, sondern erst herausstellt, auf was die Wirklichkeit des Daseins besser verzichtet, um dem Weltgeist den Einfluss zu geben, den er braucht, um zu besseren Lösungen zu kommen als in der Vergangenheit. Die Idee des absolut Guten wirkt auf das Denken des Subjekts ein, das zu höheren Erkenntnissen kommt und die Zerrissenheit überwindet. Habe ich einen neuen Begriff und definiere ich ihn, bin ich auch mit einem neuen Sein konfrontiert, dem ich Raum geben muss.

Diese idealistische Position eröffnet viel mehr Möglichkeiten als eine materialistische. Ich kann hier erdenken, was noch nicht ist, aber doch sein könnte. Der Fortschritt wird zäh, wenn ich das Sein nur materialistisch verstehe. Es gibt den abstrakten Weltgeist, weil ich ihn denke (nicht vorstelle in Bildern). So geht es auch mit dem Begriff der Verschränkung, die es wohl auch unter Menschen gibt. Der Begriff ist aus der Quantentheorie  entlehnt. Wir sollten uns nicht auf die künstliche Intelligenz stürzen, sondern auf die enormen Möglichkeiten des reinen Denkens und Begriffeerfindens (Denkarbeit), die neue Bereiche der Forschung eröffnen und auch den demokratischen Diskurs beschleunigen und erhellen könnten. Wie interessant wird  die Komplexität der Wirklichkeit im idealistischen Denken Hegels gegen alle Ideologie. Das dialektische Prinzip ist nicht nur ein notwendiges Ordnungsprinzip, sondern ein Forschungsprinzip.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik. Frankfurt am Main. 10.Auflage 2014  und: Phänomenologie des Geistes. Frankfurt am Main. 1. Auflage 1986

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*