Schmerz oder das Verschwinden der Sprache

Die Macht der Sprache zu entdecken liegt lange zurück. Damit verbunden war die sogenannte geistig-seelische Reifung und das ungetrübte und glückliche Bewusstsein, dass Probleme lösbar sind. Wer gerne liest und sich von der Ausdruckssprache faszinieren lässt, der redet auch viel. Man liebt den Dialog und denkt, dass alle so denken und danach handeln. Die Sprache ist es auch, die zu einem höheren Bewusstsein führt. Diese Gewissheit ermutigt, auch in Differenzen eine Haltung zu artikulieren. Hier müssen wir nicht verschreckt auseinander laufen, sondern sind herausgefordert, in den Fluss des Sagens zu kommen. Ich teile mich mit, damit der andere versteht, worum es mir geht und weshalb ich ihn erwählt hatte, sich auf sprachliches Neuland zu begeben. Konfuzius meint, dass die einen auf den Wind der Neuerungen mit dem Bau einer Mauer beantworten und andere Windmühlen bauen. Der erzkonservative Fundamentalist hat wenig Verständnis für das Anliegen, den Einzelfall zu benennen und zu besprechen und versteckt sich hinter Konventionen. Jede sprachliche Schöpfung kann Anlass zu solchen Erneuerungen sein, weil sie den Handlungsspielraum erweitert. Lesen, sprechen  und schreiben sind daher elementare Tätigkeiten, die auch einen existenziellen Status haben.  Vermutlich weiß das jeder, aber diese Fähigkeiten werden immer wieder sabotiert, was den Fortschritt im Miteinander sehr behindert. Wer geistig in Bewegung ist, der verweigert nicht die Sprache. Das tun nur die, deren Anliegen nicht rein sind; sie produzieren Sackgassen und können zum Verlust der Sprachfähigkeit bei denen bewirken, die sich frei verständigen  und vor allem in Kontakt bleiben wollen.

Auch die Wissenschaft muss ständig nach neuen Formulierungen und Begriffen Ausschau halten, damit neue Erkenntnisse unser Vorstellungsvermögen bereichern. Es gibt keine sinnlosen Sätze, sondern nur Bequeme, die den Prozess des Wandels nicht mitmachen wollen, weil sie selbst fest stecken und ihre eigene Tiefe nicht ausloten wollen. Es ist nie alles gesagt, sondern Chancen sind vertan worden, Prozesse in Gang zu setzen, die sich von Konventionen darin unterscheiden, dass neue Möglichkeiten des Diskurses erweiterte Handlungspielräume entwickeln, denen  beide Parteien zustimmen können. Die Kreativität wird dort mobilisiert, wo nichts geblockt, abgebrochen, unterdrückt oder verdrängt wird. Wir können nicht nur im eigenen Schaffen in  einen Fluss der Gedanken geraten, sondern auch im Gespräch, das sich auf ein immer höheres Niveau begibt, um dann endlich rational zu siegen über Denkmuster und Gewohnheiten aller Art, die nicht zum Erfolg führen.

Die Sprache ist Ausducksmedium. Sie vermag, Bewusstseinszustände zu erklären, zu verdeutlichen und zu kreieren. Die epigonale Haltung mag zwar Sicherheit geben, aber sie ist nicht schöpferisch. In der Bibel müsste eigentlich stehen, dass man Worte finden sollte für all die Zustände in uns, damit wir reifen und im Reifungsprozess zueinander finden. Sicher, Worte können auch verletzen. Das tun sie vor allem dann, wenn einer spricht, ohne zu denken. Wer aber nachdenkt, der kommt zu erstaunlichen Ergebnissen über sich und die Welt. Sie ist der Weg zur Selbsterkenntnis. Ich ordne und organisiere mein Inneres über die Sprache und entdecke Möglichkeiten der Übereinstimmung und der Differenz, ohne aber wieder in den Status der Sprachlosigkeit zurückzufallen, die meistens eine Art der Aggression ist, ein Ablehnen desjenigen, den man noch  nicht einmal im Ansatz verstanden hat. Es wird immer Menschen geben, mit denen wir uns nicht genügend verständigen können, aber eben auch Menschen, mit denen wir uns verständigen müssen, weil eine Begegnung mit ihnen zu schmerzhaft war und dies  zum Verlust der Sprache geführt  hat. Wer sein Leben über den sprachlichen Ausdruck bestreiten muss, ist hier besonders betroffen. Die Verweigerung der Sprache ist keine Tugend, sondern eine Art Kriegsführung der Negation. Im Grunde sind das faschistoide Haltungen, die jede symmetrische Kommunikation unmöglich machen wollen. Dieser Wille irritiert und schwächt Menschen, deren Selbst sich mit der Sprache identifiziert – verlorene Jahre des Verstummens und des Drängens in eine Rolle der Ratlosigkeit gegenüber  dem Willen zur Macht. Hier wird deutlich, dass jemand auf einem Gefälle besteht gegen die prosaischen Anliegen von Autoren. Über das Lesen und Schreiben will man hier ins Gespräch kommen, um die Quantensprünge tun zu können, die auch das eigene Leben absichern.

Wenn man bedenkt, wie viel Mühe es kostet, einen Verstummten wieder zum Denken und Reden zu veranlassen, wird deutlich, dass  wir die Fähigkeit zum Erschauen benötigen. Jeder kann den Gedanken- und Sprachfluss wieder in Gang setzen, wenn endlich die Fehlurteile wegen des Verschwindens der Sprache eingesehen werden. Sie aber ist das Therapeutikum, nämlich endlich wieder bei sich selbst zu sein. Kann ich meinen Zustand mit den entsprechenden Worten beschreiben und erklären, habe ich auch den Schlüssel für die Lösung. Worte sind keine Taten, sondern ein Tasten in die Richtung der Selbstwerdung, die man gerne mit wohlgesonnen Menschen bespricht oder sich zumindest in dem Kleid präsentiert, das wirklich zu einem passt. Das kann dann wirkliches Glück sein.

 

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