Verbrechen

Ferdinand von Schirach beleuchtet das Thema Schuld als ehemaliger Strafverteidiger literarisch und will verdeutlichen, dass Straftaten auf einem Brechen des dünnes Eises beruhen. Er hat hier viele Nachfolger, die betonen, dass ein Verbrechen in jedem in uns angelegt sei als Mittel der Konfliktbewältigung und auch als Ausdruck zutiefst archaischer Motive, die den/die Geschwächte(n) und Geschädigte(n) weiter schädigen, anstatt zu helfen und zu schützen. Dieses brutale und teilweise bestialische Prinzip macht auch vor Bildungskreisen keinen Halt. Menschen in Umbruchphasen ihrer Ordnung sind meistens geschwächt. Schwäche allerdings schädigt niemanden, das tun nur Menschen, die ihre Macht missbrauchen, um andere schwerstens zu instrumentalisieren und zu unterwerfen. Dieser Destruktivitätstrieb wird nicht selten von Männern der gesamten Bevölkerung unterstellt.  Da wird Schwäche als Angriffsmodalität uminterpretiert. Mal abgesehen davon, dass der Destruktivitätstrieb, der geschädigte und irritierte Menschen weiter schädigt,  ein männliches Prinzip ist. Was Menschen aber hinsichtlich ihrer Empathiefähigkeit unterscheidet, muss näher ergründet werden. Was eine Gruppe von maskierten Männern in Volksfest (Ferdinand von Schirach) veranlasst, eine zu Boden gestürzte Frau, die sich auch noch an den Biergläsern geschnitten hat, massenhaft zu vergewaltigen, muss analysiert werden und darf nicht jedem Menschen als Potential zur Destruktivität unterstellt werden und schon gar nicht Frauen. Was aber macht den Unterschied aus, der Menschen hier eindeutig trennt. Bildung allein ist es nicht und auch nicht die Gnade Gottes. Es ist ein Wissen um die Welt und ein reines Herz, das liebt, auch wenn es nicht in derselben Weise geliebt wird. Und das ist die Frau.

Man könnte sagen, dass eine junge Frau auf einem Volksfest nicht ohne BH bewirten sollte oder dass Eltern ihre Tochter nicht zum Arbeiten auf solchen Festen veranlassen dürfen. Aber was heißt das? Es bedeutet, dass wir überall mit solcher Brutalität und Bestialität konfrontiert werden können, wenn wir uns der Gesellschaft aussetzen. Normale Menschen können zu Monstern werden , wenn das soziale Konstrukt zerbricht. Das gilt aber nicht für die Gesellschaft im Allgemeinen, sondern für Menschen, deren Sinn für Empathie längst abhanden gekommen ist auch in einer Leistungsgesellschaft, in der die Konkurrenz mehr zählt als der Gemeinschaftssinn und die Liebe. Wo aber wahre Liebe ist, das entsteht keine Brutalität und keine Gewalt, sondern es ist die ordo amoris, von der Max Scheler spricht. Liebe ist keine Leidenschaft, die kopflos macht, sondern ein umfassendes Gefühl der Verantwortung. Hier sind alle  höheren Emotionen tätig, die gerade Streit und Auseinandersetzungen vermeiden wollen, um in der Symbiose des Verstehens aufzugehen. Hier können wir niemanden schädigen, sondern sind um das Wohlergehen eines Menschen bedacht, auch wenn es nicht der eigene Vorteil ist.

Man kann getrost anhand der Kriminalitätsstatistik behaupten, dass Gewalt ein Männerproblem ist. Schuld ist aber nicht nur das Testosteron, sondern auch eine Sozialisierung, die die rücksichtslose Ichdurchsetzung präferiert gegen die Liebe und das Verständnis. Dass solche Fehleinschätzungen vonseiten von Männern krank machen können, muss nicht weiter erklärt werden. Eine Frau kann selten von einem Mann durchgehend verstanden werden. Hier bleibt es bei außergewöhnlichen Ausnahmen, die dann auch sehr glücklich sein können. Aber die Masse reagiert aversiv auf Angebote der Verständigung über komplexe Kontexte, die eben nicht die Umwertung aller Werte beinhalten, sondern um Verständnis bitten für einen Wandel im Bewusstsein, dem eine Änderung in der Lebenssituation folgen muss, damit es nicht zu einer manifestierten Krankheit kommt. Auch kranke Menschen werden oft weiter geschädigt, je weniger man eine Erkrankung versteht. Im dritten Reich wurden so geschwächte Menschen ermordet, anstatt Menschen trotz ihrer Belastungen zu integrieren. Da wären wir und sind wir wohl immer noch bei den Neanderthalern. Das ist weniger beruhigend. Was nicht einwandfrei funktioniert, wird vor allem informell eliminiert und ausgegrenzt, was für den Erkrankten eine große Belastung ist. Hier schimmert der Destruktivitätstrieb wieder durch, der aber auch ein Mangel an Intellekt sein kann. Auf keinen Fall  kann man ihn jedem Menschen unterstellen. Er beruht auf einem Mangel an Einsicht, auf einer Gottesabgewandheit der Egozentrizität. Wer sich für die wahre Liebe entscheiden kann und im Leben diese Erfahrung macht, der schädigt keinen anderen Menschen, aber ermahnt zur Aufrichtigkeit, die nicht immer angenehm ist.

Wo ein Destruktivitätstrieb erkennbar ist, da ist auch Schuld und nicht das Eingeständnis der Schwäche, denn nicht Schwäche ist der Grund der Destruktivität, sondern die Macht. Die Facetten der Unterwerfung sind vielfältig und sei es unter ein Gesetz einer  Religion. Das war nicht im Sinne von Jesus Christus. Sein Thema ist die wahre Liebe, die sich nicht von Formalien beeindrucken lässt. Und den Destruktivitätstrieb hat nicht jeder. Wir werden nicht archaisch, weil wir geschwächt sind.

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