Die Synthese des Yoga

Sri Aurobindo thematisiert in seinem genialen, hoch spirituellen und tiefen Werk den Heilungsweg zur göttlichen Vollkommenheit in einer monotheistischen Verbindung von Christentum, Hinduismus und Buddhismus. Sein Denken ist auch gleichzeitig eine Überwindung jedes kleinlich fundamentalistischen Glaubens hin zu einer Öffnung zum universalen Wissen, das nichts relativiert, sondern eben hoch differenziert um der Wahrheit willen. Dieser Weg ist nur möglich, wenn der Mensch sich von seinen ichzentrierten Begierden befreit, d.h. in der Askese lebt für die Überwindung seines Egos und einer damit verbundenen Selbstsucht. Die Unterscheidung von Ich und Selbst ist dabei von höchster Bedeutung, denn die Entfaltung des Selbsts ist aus gesundheitlichen und aus Wissensgründen notwendig und steht im Gegensatz zur reinen Ichdurchsetzung, die dominieren will und sich nicht von einer universalen und göttlichen Macht führen lässt. Individualisierung hat also eine negative und eine äußerst positive Konnotation und kann nicht prinzipiell abgelehnt werden, wie dies im Christentum der Fall ist. Aurobindo schreibt: „Die supramentale Macht…  ersetzt das in sich gespaltene Ringen der individuellen Natur sowie die Leidenschaft und das Kämpfen des abgesonderten Ego durch das stille, tiefe, harmonische und frohe Gesetz der universalisierten Person in unserem Inneren durch die Normen unseres zentralen Wesens und Geistes, der ein Teil des höchsten Geistes ist.“ (S. 219)

Für diese Universalisierung ist aber eine Entfaltung des Selbsts notwendig, die aber keine isolierte Form der Entwicklung ist, weil im Austausch mit göttlicher Macht und Wissen stehend.  Aurobindo macht auch immer wieder aufmerksam auf die Überwindung beschränkten Denkens und Handelns, das sich aus Begehren und Bedürfnissen speist und nicht zur vollen Wahrheit gelangt, die auch immer entgrenzend und damit heilend ist, d.h. aus jeder Isolation herausführt. Leiden verursacht Verwirrungen und  Verdunkelungen aus Unwissenheit oder aus Vergessen um die göttliche Macht der Befreiung. Und die tiefe Verletzung des höchsten Wissens durch menschliche Beschränktheit ist eine Gefahr, der man nur entkommen kann, wenn man Menschen nicht zu stark idealisiert oder Erwartungen an Menschen knüpft im Hinblick auf ihre Befähigung zum Dialog, die spirituell nicht entwickelt sind. Die feste Verankerung im supramentalen Bewusstsein  ist ein lebenslanger Prozess, der immer wieder erneuert werden muss, eigentlich tägliche Aufgabe ist. Und hier geht es nicht um vordergründige Frömmigkeit oder eine erstarrte Ethik, sondern um die Einsicht in das von Gott ermöglichte Wissen auch über die Welt. Das höchste Bewusstsein ist deswegen auch fähig, Einsichten zu gewinnen durch aufmerksame Wahrnehmung und durch Intuition unter Absehung egoistischer Interessen. „Das supramentale Wirken …wird gewiss weder die Normen des individualisierten Egoisten noch die irgendeines organisierten Gruppen-Mentals befriedigen.“ (S. 220)

Es ist schwierig, als junger Mensch auf der Höhe dieses höchsten Bewusstseins zu bleiben, wenn andere in Begegnungen eingeschränkten Theorien anhängen und Vorschriften nicht hinterfragen.  Dazu sind wir immer aufgefordert gegen jeden Versuch zu generalisieren, was nicht identisch mit  universellem Wissen ist. Bedürfnisse und Begehrungen sind nur dann die Motive, wenn göttliche Erleuchtung nicht erfolgt ist. Die Höhe spirituellen Wissens schon früh zu erreichen kann zu Problemen führen, da Menschen in jungen Jahren selten befähigt sind, sich auf dieser Höhe des Wissens mit anderen auseinanderzusetzen und aus selbstsüchtigen Gründen auch diese Auseinandersetzung verweigern. Sie verletzen, beschränken und blockieren die spirituelle Entwicklung so schwer, dass der junge Spirituelle schweren Schaden nehmen kann.  Aurobindo geht auf dieses Problem nicht näher ein, weil er die göttliche Macht für unantastbar hält. Da aber auch das höchste Wissen sich noch festigen muss, ist der spirituell Suchende auch immer gefährdet, den Gewalten der Welt ausgesetzt zu sein, wozu auch das Nichthandeln gehört, d.h. die Unterlassung von Verständigung über den Weg zum höchsten Bewusstsein. Die Enttäuschung über ein begrenztes und beschränktes Bewusstsein in anderen kann schwere Schäden verursachen. Sich der Welt auszusetzen ist lebensgefährlich für einen anfänglichen Weg ins supramentale Wissen.

Aurobindo sagt auch deutlich, dass der Mensch nicht passiv erleuchtet wird, sondern dass dieser Weg Arbeit ist, aber auch spontan eintreten kann durch erworbene Erkenntnisse und dann seinesgleichen sucht. Findet er sie nicht, kann sein Weg zerbrechen. Der Weg zum höchsten Bewusstsein ist aber dennoch ein individueller, auch wenn er initiiert wird. Wir blicken im universalen Wissen hinter die Fassaden und sind hier auch der Wahrheit verpflichtet, d.h. wir müssen die Dinge benennen und uns darüber verständigen vor allem auf dem Weg in die Vollkommenheit des Daseins, das sich dadurch auszeichnet, dass es von allem Leiden befreit und zu einem freien Fluss der Energien fähig ist, was ein Teil des Effektes aus der Yogapraxis ist – des Hatha- wie des Rajayogas. Das supramentale Wissen bleibt skeptisch gegenüber speziellem Wissen und überschreitet die Grenze der Selbstdarstellung von Menschen hin zur Seelenschau, ist hier also nicht verfehlend und verkennend (meistens durch Begierden aller Art). Es geht also nicht um Selbstüberwindung, sondern um die Erhöhung des Selbsts zur vollen Entfaltung für die Öffnung zum supramentalen Wissen gegen allzu menschliche Unwissenheit und damit verbundener Missverständnisse.

Das rechte Verständnis ist ein Zuhören und Antworten; nur dann kann die ursprüngliche Wahrheit wieder ins Licht rücken und der Mensch erscheint als das, was er ist und was er war und ist von allem Leid befreit. Schuld ist dann ein Hindernis, wenn sie nicht eingesehen und korrigiert wird. Das Leiden durch schwere Verletzung des spirituellen Weges durch Unerleuchtete hört mit dem Wissen auf, dass nichtspirituelle Menschen nicht hinter ihre eigene Fassade schauen wollen. Die Wahrheit hat hier selten eine Chance und das Blendwerk der Eitelkeiten verstellt das tiefste Verstehen, das Begehrungen und Bedürfnisse längst als nicht tragende Phänomene begriffen hat., denn sie berauben das Dasein hinsichtlich seiner Fülle bis zum Verlust des Sinns. Eine Transformation des Inneren unter göttlicher Führung ist ein Heilungsweg, den jeder gehen kann ohne fremde Hilfe. Alles Störende und Verstörende muss im Sinne des Karma-Yogas bewältigt werden für den freien Fluss der Energien. Verletzungen somatisieren sich und können über eine konzentrierte Hatha-Yopapraxis aufgelöst werden. Die erworbene Macht über den Körper führt zum höchsten Glück der Freiheit und Gesundheit. Das Jnana-Yoga des Wissens durch Askese ist die Hauptaussage der Gita. Hier wird alles Weltliche überwunden und alles Verletzenden losgelassen in der Einsicht über die Beschränktheit des gewöhnlichen Daseins.

„Wenn nun ein Kollektiv oder eine Gruppe aus solchen Menschen gebildet werden könnte, die die supramentale Vollkommenheit erlangt haben, würde gewiss eine göttliche Schöpfung Gestalt annehmen. Eine neue Erde käme hernieder, die ein neuer Himmel sein würde. Eine Welt supramentalen Lichts könnte hier mitten in der zurückweichenden Finsternis dieser irdischen Unwissenheit erschaffen werden. “ (S. 221)

Sri Aurobindo: Die Synthese des Yoga. Bellnhausen 1972

 

 

16 Antworten auf „Die Synthese des Yoga“

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