Der Skandal Psychiatrie

Der Fall Mollath hätte eigentlich zu einem Umdenken in psychiatrischen Kreisen führen müssen, aber nichts hat sich geändert. Die Psychiatrie verabreicht Menschen seltsame Diagnosen, die oft die Wahrheit des Betroffenen verfehlen. Wer psychisch erkrankt, ist Opfer geworden von Ungerechtigkeiten, Formen der Gewalt und von Stress. Man kann das gar nicht oft genug thematisieren. Eine mentale Krankheit entsteht nicht aus dem Nichts und schon gar nicht sind die Betroffenen selber schuld. Die Frage der Schuld und der Schuldigen muss aber beantwortet werden, um den Kern der Erkrankung zu ergründen. Was oberflächlich oft als Wahn bezeichnet wird, ist nicht selten der Versuch, Gerechtigkeit herzustellen und auf Vergehen anderer hinzuweisen wie auch auf das Verschulden einer Psychiatrie, die Menschen über Rechtsverletzungen zur Einnahme von Medikamenten zwingt, aber kein einziges Problem löst. Das reine Wegdrücken von Symptomen ist nicht deren Heilung.  Man sollte dringend darüber nachdenken, Menschen mit mentalen Erkrankungen zu Hause zu behandeln, da Einweisungen in Kliniken nur die Traumata verschlimmern und die schlechten Erfahrungen vermehren. Ein mental kranker Mensch hat das Vertrauen ins Leben verloren. Er gewinnt es durch erneute Gewalt gegen ihn nicht zurück. Menschliche Zuwendung des Verständnisses könnten ihn auf den gesunden Weg zurückbringen.

Mehr Sensibilität ist gefordert, anstatt Menschen zu stigmatisieren oder zu dämonisieren. Eine sogenannte Psychose ist der Versuch einer Heilung. Also muss man sich diese Symptome auch genauer ansehen, um diesen eher verdrehten Prozess eines Heilungsversuches in einen gesunden zu verwandeln. Die Eigenkräfte sollten mobilisiert  und nicht unterminiert werden. Das leistet die derzeitige Psychiatrie überhaupt nicht. Sie belastet die Betroffenen mit dubiosen Diagnosen, ohne sich dem Problem anzunähern. Inhalte werden als wirres Zeug abgetan, anstatt den Kern der Wahrheit hinter den Symptomen zu analysieren. Dieser Befreiungsimpuls wird regelrecht verweigert, man ignoriert alle Inhalte. Der Patient verlässt die Klinik dann mit allen alten ungelösten Problemen, die sich durch Einweisungen nur chronifizieren. Das Herausreißen aus dem Alltag verursacht ein neues Trauma, das Menschen auf Dauer schädigen kann, denn der Kranke erlebt diese Übergriffe nicht als gerecht oder angemessen. Sie sind es auch nicht, sondern schwere Verletzungen der Rechte und der Würde.

Es gibt nichts Zweifelhafteres als psychiatrische Gutachten, durch die sich Ärzte profilieren, aber dem Betroffenen nicht gerecht werden. Das Denken eines Menschen kann vorübergehend beeinträchtigt werden, wenn ein Problem auf Dauer weiter besteht und die Bearbeitung verweigert wird, weil der Geisteszustand angezweifelt wird. Aber jeder Mensch hat gesunde Anteile, an die appelliert werden kann und die befördert werden müssen, damit die Heilungsenergie wieder initiiert wird. Eine Strategie der Ermutigung, des Empowerments wird aber nur selten eingesetzt. Der Zusammenbruch des kompensierenden Denkens heißt nicht, dass dieser Mensch vollkommen alle Geisteskräfte verloren hätte. Sie sind überlagert von vorherrschenden Gedanken, die nicht mehr untergeordnet werden können. Die Ordnungsfunktion geht also verloren. Die ist aber reaktivierbar, wenn man sich denn auf den Patienten einlassen würde, anstatt ihn einfach mit Medikamenten zuzuschütten, so dass er nichts mehr von seiner Problematik spürt. Die arbeitet aber weiter in ihm und verschafft sich in der nächsten Krise wieder Gehör. Wann also wird eine Psychiatrie überflüssig oder humaner, so dass ein Patient mit mehr Wissen über sich selbst und über seine Problem entlassen wird? Dazu bedarf es hoher therapeutischer Kompetenz, den Kern des Problems ansprechen zu können, so dass das Bewusstsein für die Problematik nicht ständig verschwindet und virulent bleibt. Eine Psychiatrie wäre verpflichtet wie alle anderen Dienstleistungsinstitutionen auch, Erfolge zu liefern in Bezug auf die Klärung von Problemen und nicht wie bisher Probleme einfach zu überdecken und die Betroffenen durch diese Verweigerung zu stigmatisieren.

Die Psychiatrie ist der Gradmesser für die Humanität einer Gesellschaft. Damit ist es nicht weit her. Darin liegt auch der Grund, warum es mental kranke Menschen so schwer haben, wieder gesund zu werden. Eigentlich ist die Psychiatrie ein Fall von unterlassener Hilfeleistung. Die Antipsychiatriebewegung ist ein wichtiger Impuls gegen eine institutionalisierte Psychiatrie, die Krankheiten von Menschen sanktioniert, anstatt humane und affirmative Lösungen anzudenken und umzusetzen. Heilung ist in den westlichen Ländern eher selten, in anderen Kulturen aber häufiger, da man hier nicht mit Einweisungen und Medikamenten reagiert. Das sollte zu denken geben und endlich Menschen befähigen und ausbilden, die sich den Problemen wirklich annehmen möchten und können aus einer  tiefen Menschenliebe heraus. Die Menschenfeindlichkeit in der Psychiatrie ist mehr als offensichtlich und so reagiert eben auch die schlecht unterrichtete  Gesellschaft mit enormen Vorurteilen und mit archaischen Ablehnungen. Letztlich ist der sogenannte Wahn nur die auf die Spitze getriebene symbolische Vernunft. Mental kranke Menschen sind keine Psychopathen, sondern Menschen, die einen offenen Dialog brauchen, um ihre Dilemmata zu überwinden, was auch das erfolgreiche Modell aus Finnland umsetzt (Westlappland Open Dialogue Project) gegen den westlichen und gewalttätigen bzw. schädigenden Mainstream. Neuroleptika und damit verbundene Zwangseinweisungen sind übrigens eine deutsch-französische Erfindung, die im Begriff ist, die ganze Welt zu verseuchen.

Peter R. Breggin: Giftige Psychiatrie. Auer, Heidelberg 1996

http://www.offener-dialog.de/materialien/der-film-/index.html

Seikkula, Jaako / Alakare, Birgitta / Aaltonen, Jukka: „Offener Dialog in der Psychosebehandlung – Prinzipien und Forschungsergebnisse des West-Lapplandprojekts“, in: Volkmar Aderhold / Yrjö Alanen / Gernot Hess / Petra Hohn (Hg.): „Psychotherapie der Psychosen – Integrative Behandlungsansätze aus Skandinavien“, 2003, S. 89–102.

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