Antistressverordnung

Der Psychoneuroimmunologe Christian Schubert hat den Zusammenhang von schweren Erkrankungen und Stress erforscht.  Er analysierte soziokulturelle Veränderungen und Ereignisse wie z.B. die Finanzkrise, die das Immunsystem von Menschen negativ beeinflussen können über sogenannte Top-down- und Bottom-up-Prozesse. Der systemtheoretische Ansatz bezeugt die Wirkung von komplexen Systemen auf weniger komplexe Systeme und umgekehrt. Wie Wahrnehmung auf unser Denken einwirkt, ist weiterhin ungeklärt. Die Tatsache, dass es eine Korrelation gibt, ist aber unbestritten. Bei Stress als mentalem Zustand spielt die Erfahrung der Ohnmacht eine große Rolle. Erlebe ich Prozesse und Entwicklungen als nicht beeinflussbar, entsteht existenzieller Stress, der Gehirn und Körper erheblich schädigt. Die Psychosomatik geht davon aus, dass Körper und Geist eine Einheit bilden und nicht zwei voneinander getrennte Entitäten sind, die aufeinander wirken. Den Dualismus hat man aufgegeben, weil man nur über die Quantentheorie erklären kann, wie der Geist auf den Körper wirken könnte. Das scheint vielen nicht auszureichen bzw. es wird bestritten, dass wir ein Quantengehirn hätten. Deshalb wurde der Dualismus angezweifelt. Sind Körper und Geist aber eine Einheit, ein wesensmäßiges Ganzes, dann kann man nicht erklären, wieso über Meditation, d.h. über eine freie und willentliche Maßnahme,  das Gehirn verändert werden kann. Ich muss also eine unabhängige Kraft voraussetzen, die auf den Körper einwirkt. Dass es so ist,  hat Richard Davidson weitgehend bewiesen. Damit steht die Identitätstheorie im Verdacht, etwas zu vereinfachen, was doch komplexer ist.

Ob nun eine Identität von Typen oder von Token (Identität der Vorkommnisse, wie Donald Davidson annimmt) ist dabei egal. Die Identitätstheorie hat ihre Mängel. Descartes hatte deswegen von unterschiedlichen Entitäten (res extensa und res cogitans) gesprochen, die aufeinander einwirken, aber eben auch eine  spezielle geistige Energie und ein Vermögen voraussetzt, das beeinflusst und verursacht, d.h. das nicht determiniert ist. Freiheit ist unter den Bedingungen der Identität kaum denkbar, denn der Körper ist weitgehend determiniert und kann nur durch den Geist initiiert werden, nicht aber wieder durch körperliche Ereignisse und Vorgänge. Meditation kann auf die Entzündungsprozesse durch Stress auf den Körper Einfluss nehmen wie auch alle Gefühle des (geistigen) Glücks, wie es sich  im Flow manifestiert, der bis in die Epigenetik hineinwirkt. Wir sind nur dann in der Lage, unseren Körper zu steuern, wenn wir dem Geist dafür die Macht geben und diese Mächtigkeit auch entsprechend befördern. Das gelingt nur unter Stresslosigkeit. So lässt sich Resilienz auch trainieren, ist also  keine angeborene Fähigkeit. Die Identitätstheorie lässt keinen Raum für den freien Willen, durch den wir Dinge realisieren und uns selbst und unsere Einstellungen verändern. Aber dieses Zusammenwirken ist eben anfällig und wird durch Stress außer Kraft gesetzt.

Die IG Metall wie auch die Linken und die Grünen wollen eine Umsetzung einer Antistressverordnung, weil zu viele Menschen durch Stress und vor allem durch existenziellen Stress zum Teil schwer erkranken. Diese Einwirkungen sind kaum zu steuern und können das gesamte organische und mentale System aushebeln. Der Mensch sollte intrinsisch motiviert sein gegen eine unverantwortliche Zulassung von Stressoren, die den Arbeitenden antreiben sollen, Höchstleistungen zu bringen. Will ich, dass Menschen gut und zuverlässig arbeiten, muss ich sie eigentlich nur entsprechend gut bezahlen und motivieren, anstatt ein Angstsystem zu etablieren, das Menschen an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt. Existenzieller Stress ist auch nicht durch Bewusstseinsarbeit reduzierbar, da hier eine Grenze überschritten wird. Die Grundlagen des Seins dürfen nie zur Disposition stehen und damit wäre dann auch ein rechtlicher Schutz vor Existenzbedrohungen eine Notwendigkeit.  Der Mensch kann sich gegen Stress nicht immunisieren. Darauf muss die Politik auch gegen wirtschaftliche Interessen endlich Rücksicht nehmen und Menschen vor schweren Schädigungen schützen, so dass Stressverursachung ein einklagbares Vergehen wird. Stress ist eine Form von struktureller Gewalt und muss deshalb in einer Gesellschaft als das zu Vermeidende begriffen werden, denn die Folgen wie Arbeitsunfähigkeit sind für den Betroffenen wie für die Gesellschaft schädlich. Fortschritt im sozioökonomischen Bewusstsein erlangen wir aber nur über Rechte, die den Einzelnen in seiner Gesundheit bestärken und schützen.

Christian Schubert, Madeleine Amberger: Was uns krank macht, was uns heilt. Aufbruch in eine neue Medizin. Münderfing 2016

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