Außenansichten

Man kann Menschen weder als klug noch als weise betrachten, die sich nicht die Mühe machen, das Sein eines Menschen zu erkunden, das sich nicht über Erwerbsarbeit, Vermögen oder andere Äußerlichkeiten definiert. Diese Gesellschaft hat es verlernt, sich mit dem Wesen der Dinge zu befassen. Dazu bedarf es der Übung und des Interesses. Wenn mir die Außenansicht reicht, dann habe ich mich auch für ein  oberflächliches und entfremdetes Leben entschieden und bekomme auch entsprechende Antworten. Erich Fromm hat in seinem  immer noch hoch aktuellen Werk auch angesichts des Klimawandels und der extrem wachsenden Weltbevölkerung auf den Unterschied von Haben oder Sein aufmerksam gemacht und auf die verheerenden Folgen für unser psychisches Dasein und letztlich eben auch für das ökologische, wenn wir dem Haben weiter aufsitzen. Wir hängen eben mit der Natur zusammen und müssen ihr Sein für unser Sein verstehen und nachvollziehen. Die Pflanze wächst von innen heraus organisch und entwickelt so ihr äußeres Dasein. Der Mensch versucht es umgekehrt und richtet sich so gegen die Gesetze der Natur. Das innere Sein will er über das äußere Haben definieren. Aber diese Version ist nicht tragfähig, aus ihr kann sich nichts Gesundes entwickeln, da es sich auch allzu oft gegen andere richtet.

Die seelischen Kosten für eine außenansichtige  Gesellschaft sind hoch. Doch ein Umdenken findet nur langsam statt, da die Nachkriegszeit im Haben ihre Heilung gesucht und die Entwicklung eines stabilen und verlässlichen Inneren vernachlässigt hat. Sicher, Menschen möchten in sicheren Verhältnissen leben, aber auch die können angetastet werden. Die Zukunft der Digitalisierung wird das noch mehr zur Geltung bringen. Darauf ist die Menschheit schlecht vorbereitet. Es wird in Zukunft darauf ankommen, sich wieder mehr um ein Sein zu bemühen und Menschen unter diesem Aspekt zu erschauen. Nicht, was jemand darstellt, ist von Bedeutung, sondern was er seinem Wesen nach ist. Sicher, das muss sich nicht widersprechen, aber Erwerbsarbeit wird in Zukunft nicht die Dimension sein, über die sich Menschen identifizieren. Es kommt also auf ihre Verwirklichung an und darauf, ob diese gelingt, ohne die Natur und andere zu schädigen.

Eine Bereicherung ist die Verwirklichung, wenn andere sich gut fühlen und davon profitieren, dass Menschen sich entfalten in ihren Interessen, Fähigkeiten und Begabungen. Richard David Precht spricht ja schon von einem Ende der für uns selbstverständlichen Erwerbsarbeit. Was aber kommt dann? Gähnende Langeweile, Alkoholsucht oder andere bewusstseins-einschränkenden Tätigkeiten, die von der Sinnleere ablenken sollen? „Erwerben, Besitzen und Gewinnmachen sind die geheiligten und unveräußerlichen Rechte des Individuums in der Industriegesellschaft“, schreibt Erich Fromm, anstatt den neuen Menschen zu ermöglichen, der durch Charakter, Religion und Verwirklichung anderen Menschen und der Natur nicht mehr so viel antun muss, geschweige denn sie ausbeutet und schädigt. So können wir die Ursache unseres Leidens erkennen und überwinden und uns gegenseitig wieder in unserem Sosein erfassen als das, was wir immer schon sind: Menschen, die ein erfülltes und glückliches Leben wollen und verstanden werden möchten. Wer vorsätzlich Leid verursacht, hat sein eigenes Leid nicht bewältigt und versucht immer noch die Maximen des Habens zu erfüllen. Außenansichten können die Innenansicht völlig verschleiern, wenn man nicht gelernt hat, sich dem Sein eines Menschen und damit seiner Würde zu nähern. Die wird in Zukunft anders definiert werden müssen als über die doch zu einem Teil fragwürdig gewordene verallgemeinerte Erwerbsarbeit und ihre zum Teil verheerenden Folgen. Soziale Arbeit wird es allerdings immer geben. Precht stellt fest: „Beide Male glaubt man, ein halb totes Pferd weiter durchs Ziel reiten zu können: das über Erwerbsarbeit finanzierte Sozialsystem hier, das auf extrinsische Belohnung ausgerichtete Bildungssystem dort.“ Je unglücklicher und unentfalteter ein Mensch ist, desto mehr wird er Ressourcen verbrauchen als Entschädigung.

Aber man sollte nicht vergessen, dass ein Beruf, den man liebt und in dem man sich entfalten kann, dafür auch noch Geld bekommt, großes Glück ist. Entfaltung schützt auch vor krank machendem Leid. Daher sollte man sie allen Menschen gönnen und hier keine Exklusivrechte geltend machen. Nichtentfaltungarbeit muss gut bezahlt werden.

Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Stuttgart 131.-140. Auflage 1979

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. München 1.Auflage 2018

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