Me Too und die Gewalt gegen Frauen

Wir Frauen dachten eigentlich, dass die Zeiten für uns besser geworden seien. Aber die Realität zeigt ein anderes Bild. Es geht nicht nur um physische Gewalt gegen Frauen, sondern auch um strukturelle und psychische Gewalt, deren Aufklärung oft schwierig und langwierig ist. Viele der betroffenen Frauen werden arbeitsunfähig und das ist das größte Problem, denn zu den traumatischen Gewalterfahrungen kommt die schwierige soziale Lage hinzu. Beides erfordert viel Kraft und Energie, um diese Hürden gegen ein gelungenes und emanzipiertes Leben zu beseitigen. Die Me Too Bewegung ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Offenheit, über Gewalterfahrungen zu sprechen und Täter auch öffentlich anzuklagen. Frauen suchen oft den schwierigen Weg einer Verständigung, um keine Fehler zu machen. Das ist aber nicht immer der klügste Weg, denn wenn Gewalterfahrungen schwerwiegende Folgen haben, dann kann es nicht nur bei einer Debatte bleiben und dem Wunsch nach Aufklärung. Wir sehen, dass selbst Richter des Supreme Courts offenbar schuldig und eben auch mit allen Wassern gewaschen sind, sich gegen berechtigte Vorwürfe zu wehren. Da werden Professorinnen als unglaubwürdig hingestellt und entsprechend zusätzlich gedemütigt.

Männliche Aggressionen sind allgegenwärtig und kommen immer wieder offen zum Ausbruch. Die damit verbundene Fassungslosigkeit in Zeiten angeblicher Gleichberechtigung und Selbstbestimmung darf Frauen aber nicht lähmen, nicht ohnmächtig machen. Auch Rechtsverletzungen gegen Grundrechte beinhalten Gewalt und Gewalterfahrung, die sich schädigend auf den gesamten Menschen auswirken kann, wenn die Aufarbeitung gezielt blockiert oder sogar unterminiert wird. Als Frau möchte man Klarheit und keine Unschuldigen verdächtigen oder anklagen. Sie sind aber zu defensiv und das wissen Männer. Die spekulieren auf die Aufgabe von Recherchen und investigativen Untersuchungen. Man sollte mal untersuchen, wie viele Karrieren von Frauen durch Männer ruiniert worden sind. Die haben aber durchaus kein schlechtes Gewissen, sondern beschuldigen die Frau als zu wenig karriereorientiert oder schlichtweg als unfähig oder noch schlimmer: Sie versuchen, den Spieß umzudrehen und so den Wunsch nach Aufklärung zu diskriminieren. Vertuschung hat viele Gesichter, ist aber in erster Linie männlich. Frauen gehen zu oft davon aus, dass Aufklärung ein gegenseitiges Bedürfnis ist. Sie wollen nicht wahrhaben, dass ihnen vormals vertraute Menschen so etwas angetan haben ohne jeden Grund, einfach um zu schädigen. Das sind Akte der Aggressionen, die vor allem dann in die Tat umgesetzt werden, wenn mit Gegenwehr kaum zu rechnen ist, weil auch der Durchblick in diesem Moment fehlt.

Das Bewusstsein von Frauen für Gerechtigkeit ist ausgeprägter als das des Mannes. Der leugnet im schlimmsten Fall alles und sucht sich dafür Mitstreiter. Das ist eine Frage des Machtmissbrauches, aber keine der Einsicht in die Notwendigkeit von Aufklärung und letztlich auch von Recht. Da werden dann auch Gesetze verabschiedet, die Menschen eindeutig zu schädigen beabsichtigen, obwohl es Alternativen gäbe. Auch das ist männliche Gewalt , die man überall in der herrschenden Politik finden kann. Daran konnte auch eine Frau als Bundeskanzlerin nichts ändern. Biografien von Frauen werden sich immer von denen der Männer unterscheiden. Und die Bürde der Mehrfachbelastungen werden sie wohl auch so schnell nicht los. Überall, wo nur männliche Maßstäbe angelegt werden, sollten Frauen aufbegehren und öffentlich auf diese Missstände hinweisen. Wer sich hier selbst zerfleischt, um es Männern recht zu machen, der hat den feministischen und emanzipatorischen Auftrag nicht verstanden. Im Zuge der Me Too Bewegung hat es aber auch einige Verhaftungen gegeben – ein kleiner Lichtblick in einem langen Tunnel der Gewalt gegen Frauen und deren Urteilsvermögen. Dieses kommt der Wahrheit nicht selten näher als alles männliche Ansinnen und Denken. Es gibt also keinen Grund, sich zu verstecken, sondern offensiv die Defizite zu nennen und sie auch anzuklagen, wo Ermittlungen gezielt behindert werden. Es geht nicht nur um Frieden, sondern um Aufklärung für mehr Gewaltlosigkeit in allen Bereichen unseres Seins. Aber eine dezidierte Sprache ist immer erlaubt und sogar notwendig, um etwas  zu bewegen.

Was bedeutet diese Bewegung aber für Mann und Frau? Ist es der Anfang eines Geschlechterkrieges oder der Anfang einer neuen Debatte über Grenzen und Einfühlungsvermögen. Männer müssen entschieden sensibler mit Frauen umgehen, denn deren gesamtes Leben ist den unterschiedlichsten Anforderungen ausgesetzt.  Aber auch Frauen sollten deutlicher Grenzen setzen und ihre Meinung deutlich äußern, wenn Männer sich an nichts halten. Deutliche Signale schützen auch manchmal vor Gewalt. Dafür bedarf es eben der Geistesgegenwärtigkeit, die man aber oft erst im Alter erreicht. Wir müssen also eine klarere Verständigung kultivieren und doch lernen, auf vieles gefasst zu sein. Ein generelles Misstrauen ist aber ebenso schädlich wie grenzenloses Vertrauen. Bleiben wir also auf dem Teppich und strengen uns trotzdem für mehr Gemeinsamkeit an.

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