Die Debatte um die Sensibilität

Wir leben in Zeiten zunehmender Sensibilisierung, die sicherlich keine Regression ist, sondern ein Weg in ein achtsameres Miteinander. Statt also von Hypersensibilisierung zu reden, sollte man die Vorteile der Hochsensibilität nutzen

Svenja Flaßpöhler meint in ihrem Buch Sensibel, dass bei wachsender Sensibilität auch die Resilienz zunehmen muss, was aber ein Widerspruch ist, denn Resilienz ist ja gerade dort vonnöten, wo es ganz offensichtlich an Sensibilität mangelt. Darauf sollte man besser vorbereitet sein, denn es gibt Menschen, die wollen keine Rücksicht nehmen und die verhalten sich wie Ureinwohner ohne entwickelte Sprache. Da die meisten Probleme Beziehungsprobleme sind, müssen wir uns dahingehend sensibilisieren, andere nicht elementar zu schädigen. So können wir immer erwarten, dass mitmenschliche Verhaltensweisen gelebt werden, die uns nicht grundsätzlich vor den Kopf stoßen und so das Denken aushebeln. Wir leben noch lange nicht das menschliche Potential, das nötig wäre, um diese Schädigungen im Umgang miteinander zu vermeiden, aber wir sind in der Lage sind, hoch zu differenzieren  und können so dem Einzelnen gerecht werden. Unser Denken ist immer noch viel zu ideologisch und dogmatisch, so dass es Menschen durch Verallgemeinerungen schädigt. Es muss also eine grundsätzliche Verständigung und Vereinbarung darin geben, dass man sich nicht unterminiert. Wir alle wollen gut überleben und nicht unsere Zuversicht verlieren, dass auch schwierige Situationen gelöst werden können, weil das eben soziale Kompetenz bedeutet und die macht uns stark und letztlich auch resilient. Wir wollen keine Bollwerke gegen das Denken, sondern eine gesunde Durchlässigkeit für neue Antworten.

Es gibt kein Zuviel an Sensibilität

Sind aber einmal Krankheiten entstanden, sind diese nur heilbar über Differenzierung und damit über Individualisierung bzw. Personalisierung. Dafür bedarf es einer hohem Sensibilität, die versteht, sich in den Anderen hineinzuversetzen und die Folgen des eigenen Handelns bedenken kann. Einen weiten Horizont erhält man nicht durch Grobheiten und andere Plumpheiten, sondern durch eine hohe Intuition, die uns ermöglicht, über uns selbst hinauszusehen und hinauszuwachsen. Wo diese Fähigkeiten fehlen, wird der Mensch schnell instrumentalisiert oder gar ignoriert, wenn das Denken selbst auf dem Spiel steht. Man mag es lieber unverfänglich und begibt sich nicht hinein in das Abenteuer der Kontemplation und Reflexion, die die Differenzierung zum Ziel hat und nicht gestört werden darf. Sensibilisierung und Differenzierung korrelieren miteinander und verstärken sich. Widerstandskraft ist nur da notwendig, wo ich nur Widrigkeiten und andere Bösartigkeiten befürchten muss. Die wollen wir aber gerade durch eine Entwicklung zur Hochsensibilität verringern. Es handelt sich hier um keinen Luxus, sondern um ein Existenzial, das zu mehr Einfühlungsvermögen führt und in der Lage ist, das Mögliche vom Unmöglichen zu unterscheiden. Dieses Unterscheidungsvermögen ist auch Grundlage für unsere Entscheidungen, die aber nie Grundsätzliches in Frage stellen sollten. So müssen wir offen blieben für den Diskurs, auch wenn der an unsere Überzeugungen kratzt. Als Mensch bin und bleibe ich fehlbar und letztlich auch in meinen Urteilen angreifbar. Ich kann mich also nicht rühmen, wenn ich unmenschliche Tatsachen schaffe, die andere nur schädigen. Ich habe auch nicht das Recht, andere zu kränken. Das ist ein zutiefst gestörter Gedanke und sollte auch keine Toleranz finden. Nicht überall kann sich Liebe ereignen, aber wir sind uns immer eine gewisse Achtung schuldig. Missachtung ist Ausdruck fehlender Sensibilität meistens auf der Basis von Vorurteilen, die dann zu weiteren Unerträglichkeiten führen. Und Verletzungen, Kränkungen und Schädigungen sind keine Quellen der Inspiration, sondern häufig nur die Ursachen von Krankheiten.

Reflexion kann hoch sensibilisieren und so neue Erkenntnisse schaffen

Wenn ich also nachdenke, befinde ich mich schon auf dem Weg der Sensibilisierung, denn ich bin hier in der Lage, die Perspektiven zu wechseln und verschiedene Argumente abzuwägen. Ich muss mich selbst befragen, wie ich auf was reagiere und welches Verhalten ich mir von anderen wünsche. Kein Mensch will ignoriert und damit nivelliert werden. Es gibt Grenzen des Erträglichen und die müssen auch deutlich gemacht werden, damit Menschen lernen, sich verträglicher zu verhalten. Wer Feindbilder konstruiert, der setzt eine Kette in Bewegung, die nicht zu einer Heilung führt. Überall gibt es so Verfolger und Verfolgte. Der heilsame Gedanke kann sich  nicht durchsetzen. Aber manch einer will auch seine Machtposition ausspielen und andere determinieren, anstatt sie zu befreien für mehr Möglichkeiten. Es ist wichtig, sich solchen Menschen nicht zu unterwerfen, sondern ihnen die Stirn zu bieten und sie auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Werden wir sensibler, nehmen wir viel weniger einfach hin oder antworten auf destruktive Verhaltensweisen eben nicht mit derselben Destruktivität. Wir treten heraus aus solch gestörten Zirkeln und eröffnen neues Terrain der Verständigungen aufgrund einer zunehmenden Sensibilisierung, die als Hochsensibilisierung eben auch zu neuen Erkenntnissen im Miteinander führt. So ist auch nicht der Eros die stärkste Motivation, wie dies Ken Wilber noch sehen will, sondern der Wille zum Bewusstsein, der immer ein Wille zur Erkenntnis ist und die Aufklärung darüber will, was nicht optimal funktioniert und dringend verbessert werden muss. Der Eros ist eben auch Quelle von Missbrauch, Leid und anderen negativen Emotionen und taugt nicht für das Empfinden von Verbundenheit, die vor allem zur Grundlage hat, dass wir uns nicht gegenseitig schädigen. Hier wäre schon viel erreicht. Dafür sollte sich vor allem der Einzelne selbst gut kennen und sich dort weiter entwickeln, wo es gute Gründe dafür gibt.

Svenja Flaßpöhler: Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren. Stuttgart 2021

Ken Wilber: Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend. Frankfurt am Main 2011

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