Hochkultur

Machen wir uns nichts vor: Wir sind weit entfernt von einer Hochkultur, die mit Komplexität angemessen umgehen kann und offen ist für die Korrekturen

Erich Kästner stellte mahnend  fest: “ Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. Wer das, was schlimm war vergisst, wird dumm.“ Das ganze Leben ist ein Abwägen und ein immer neues Bedenken dessen, was geschehen ist und was werden soll.  Wir werden gnadenlos in die Digitalisierung getrieben, ohne dass wir an uns selbst arbeiten und den Gefahren begegnen könnten. Wir sind mittlerweile mit so viel Kontrolle konfrontiert, dass der Schritt in den Totalitarismus kein weit entfernter ist. Die endgültige und längst nicht behobene Spaltung in Herrscher und Beherrschte ist die Dystopie, die sich auch in der ungerechten Verteilung von Vermögen widerspiegelt. Armut und Krankheiten sind nicht reduziert worden, die Ausdruck dafür sind, dass eben nicht alles in Ordnung ist und wir uns gelassen zurücklehnen könnten. Wir setzen uns gegenseitig unter Druck und verhindern die Lebendigkeit und das wahrhaftige Leben, das immer in Bewegung ist und sich mitteilen will. Meinungsfreiheit und Demokratie sind ein humaner Fortschritt, aber nichts, worauf man sich ausruhen könnte. Es werden immer noch Menschen mundtot gemacht und sogar ermordet, weil sie für die freie Meinung plädieren, die ohnehin nicht unbedingt gefördert wird in Institutionen. Wer wirklich frei denkt, der eckt an und stellt in Frage, womit aber ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung nichts anfangen kann. Aber auch das Idiotentum der Beleidiger und Zerstörer von demokratischen Foren ist kein Nischenproblem. Wer heute Karriere machen will, übernimmt die Meinung des Arbeitgebers, sucht den Konsens und wählt die Anpassung. Aber Kritik an großen Institutionen stellt sich immer mehr als  notwendig heraus, um auch ihr Überleben zu sichern. Die Kirche deckt pädosexuelle Kriminelle und diskriminiert Menschen, die in Bezug auf ihr Leben klug handeln müssen, um nicht krank zu werden oder arbeitsunfähig, weil die Verhältnisse nicht mehr zuträglich sind und sich etwas als unpassend herausgestellt hat wie eine Ehe. Wir sind in Bewegung und bestenfalls in Entwicklung. Das gilt für Mann und für die Frau, die sich natürlich heute nicht mehr unterordnet.  Auch die Kirche muss demokratisch werden und sich für die vielen guten Neuerungen öffnen, die Menschen ein gesünderes und erfüllteres Leben ermöglicht.

Der Mensch will die Harmonie

Wir können uns nicht leisten, auf die eigene Entwicklung zu verzichten und einen Gemeinschaftswillen über den persönlichen zu stellen. Auch hier muss ständig debattiert und diskutiert werden, damit das Ganze funktioniert als ein Rahmen des menschenfreundlichen Diskurses. Keiner darf in eine Sackgasse geraten durch Mobbing, Diskriminierung und Denunziation. Die Kunst besteht darin, an die guten Absichten von Menschen anzuknüpfen und ihre Schwächen in Kompetenzen zu verwandeln durch Kooperation. Weder Geist noch Seele noch der Körper dürfen verletzt werden. Wer verletzt, der hat nicht begriffen, dass wir in einem Boot sitzen und jeder Verlust eine Schwächung des Ganzen ist. Sich wirklich konstruktiv auseinanderzusetzen ist ein hoher Wert, dem alle anderen untergeordnet sind. Wir können uns Dogmen nicht leisten, sondern müssen in den Diskurs, damit wir gesünder und kompetenter werden. Mit Schwächen müssen wir uns nicht abfinden. Wer informell ausschließt, der geht das Risiko ein, dass er seine Aufgabe verfehlt und dafür auch zur Rechenschaft gezogen wird. Der Mensch sucht wesensmäßig die Harmonie und lehnt negative Emotionen ab, wenn er sich in ganzheitlicher Gesundheit befindet. Dahin sollte man jeden Menschen befördern, um die Lebensfähigkeit und Lebensfreude zu erhalten. Dafür bedarf es keiner großen Anstrengungen. Viele haben das aber nicht begriffen, dass wir verantwortlich sind von Angesicht zu Angesicht und uns nicht vor der Herausforderung drücken können, ins Gespräch zu kommen, wo die Dinge sich verselbständigt haben, weil der Diskurs nicht stattgefunden hat und die nicht verstehbare Arroganz des Vermeidens den Ton angibt. Damit löse ich nichts und erleichtere auch niemandem das Leben. Genau das sollte aber jeder im Sinn haben, den Nächsten nicht unbedingt zu lieben, ihm aber das Leben zu erleichtern, damit er wieder frei wird von den Lasten, die ihm andere zugetragen haben in völliger Unkenntnis.  Der Mensch ist kein Abgrund, sondern Ausdruck der Schönheit der Schöpfung. Dieses Bewusstsein können wir ihm wieder vermitteln, damit er heilt.

Der Buddhismus als eine gesunde Weltanschauung

Der Buddhismus geht davon aus, dass wir vom Dunklen ins Licht gehen können, wenn wir unsere Probleme lösen und in Zuversicht und Verständnis von negativen Emotionen absehen. Wir können diese überwinden, wenn wir daran denken, dass ja alle ins heile Ganze wollen und nicht getrennt werden vom Bewusstsein der Verbindung. Menschen, die sich nicht angenommen fühlen, sollten mit den Verursachern ins Gespräch kommen und nicht sich selbst angreifen – oft in schwerwiegenden Erkrankungen. Die Erleuchtung des Menschen ist universell gewollt und bezieht sich auf den Sinn des Lebens. Die Weltanschauung des Buddhismus ist notwendig für die Evolution der Menschheit in eine Hochkultur der Überwindung der eigenen Kleingeistigkeit, die nur Allgemeinplätze vertritt und die Position des Fragenden verlässt. Ich muss mich vergewissern, ob ich richtig liege und verstanden habe oder ob es nur Hirngespinste sind, die belasten und sich von der Wahrheit entfernen. Die Irrtümer anderer Menschen können sehr krank machen, wenn sie in absoluter Verkennung beharren und ihre Position zementieren. Sie fürchten die Revision und die Durchlässigkeit für die Argumente von anderen. Die Revision könnte verletzen, also bleibt der Verweigerer auf der vermeintlich sicheren Seite und sucht weiter nach Argumenten für seine heillose Position.  Das ist weder klug noch ist es Hochkultur, die sich zeigt in der Möglichkeit zur Rücknahme der falschen Schlussfolgerungen. Dafür muss ich die Selbstkorrektur und auch den Selbstzweifel zulassen. Wir sind nicht perfekt, aber wir haben die Pflicht, an uns zu arbeiten und nicht aufzugeben, Korrekturen vorzunehmen für mehr allgemeine Gesundheit. Es kann nicht immer die Liebe sein, aber die Fähigkeit zur Einsicht in das eigene Versagen gegen die Glorifizierung des Eigenen gegen jede Form der Kritik. Das ist mehr als peinlich und eine Form der Fehlentwicklung. Schaffen wir also de Raum für eine Etablierung der Hochkultur, die möglichst allen Menschen Entwicklung und Gesundheit ermöglicht und die auf eine Vernichtungsdimension völlig verzichtet., die sich noch in so vielen Maßnahmen äußert und Menschen schädigt. Eine Förderungskultur muss an diese Stelle treten, damit wir sein oder werden können, was wir eigentlich schon immer sind: wertvolle Menschen, die das Leben aller bereichern möchten gegen die Regression der Verzweiflung.

Die Kälte der Rechtskonservativen wie der extremen Linken

Es bekämpfen sich die Rechts- und Linksintellektuellen und sind sich doch in der Kälte ihrer Schlussfolgerungen und Maßnahmen sehr ähnlich.

Es ist nicht so verwunderlich, dass der linke Germanist Helmut Lethen mit der rechtsintellektuellen Caroline Sommerfeld in einer Beziehung lebt, die meint, Schwarze könnten nie Deutsche werden. Beide beziehen sich wohl auf das Buch von Helmut Plessner Grenzen der Gemeinschaft. Lethen plädiert auch für eine Trennung in Kälte, die seiner Meinung so ohne Verletzungen auskommt und damit vernünftig erscheint. Die Kälte verweigert aber die Erinnerung an die Nähe und an die Verbindung, an die Einbettung. Sie ist Verleugnung und damit Abspaltung des einmal Gewesenen. Sicher, Menschen, die nur verletzen, muss man nicht mit Empathie begegnen, aber wir können nicht ignorieren, dass sie Einfluss nehmen und wir sie hier ermahnen müssen. Diese Einflüsse zu leugnen, bedeutet, dass man einen Teil von sich selbst ablehnt. Gesünder aber ist, sich selbst gut zu verstehen und dies auch nach außen zu kommunizieren, gerade wenn es um eine Beendigung einer Partnerschaft geht. Man ist mit jemandem einen Teil des Weges gegangen, es gab Verbindendes, das jetzt nicht bestritten werden darf. Man macht es sich leicht, indem man das überholte Leben als das falsche deklariert. In Wirklichkeit ist es nur das Überholte im Zuge einer Weiterentwicklung, die aber nicht den Werdegang ausgrenzt. So unbewusst leben denkende Menschen nicht. Es gab Anziehungspunkte, die aber nicht ausgereicht haben, um die personale Entwicklung ganz abzudecken, was letztlich krank machen kann. Wir können einen Teil von uns nicht leben. Der Mensch sucht einen Partner, der alle Facetten mitträgt und keine behindert, weil er selbst dabei nicht so gut wegkommt. Ich muss Rücksicht nehmen auf die Entstehungsprozesse und auf den Willen auch zur Unabhängigkeit: Das Personsein muss anerkannt werden.

Die Grenzen der Gemeinschaft

Auch Ehen scheitern, weil Menschen sich bestenfalls lebenslang entwickeln. Sie entdecken Neues und integrieren dies in ihr Leben oft gegen den Sog der Gewohnheiten. In solchen Phasen begegnen uns andere Menschen und wir gehen neue Verbindungen ein. Trennungen sind dann die notwendige Folge: Sie sind ehrlich und lehnen die Verlogenheit der Aufrechterhaltung ab. Die Kirche sieht das anders. Sie will auch den Bestand von Ehen, die in die Krankheit führen, weil die Möglichkeiten der Entwicklung zu stark begrenzt sind oder auch eine gewisse Gleichgültigkeit bezüglich der Entwicklungen eingetreten ist. Die Grenzen einer Gemeinschaft sind dann einzusehen, wenn die Ziele und Absichten nicht mehr übereinstimmen und die Energien in verschiedene Richtungen gehen. Konventionen sind hier eher gefährdend, weil sie keine dauerhafte Identität vermitteln. Deswegen gehen Ehen auch auseinander, in denen Kinder geboren wurden. Es geht hier nicht um Menschen, die nur ein Abenteuer suchen, sondern um existenziale und damit auch um existenzielle Entwicklungen. Wir begegnen nicht zufällig dann dem Menschen, der unserem Erkenntnisstand entspricht, den wir auch immer selbstbewusst verteidigen sollten, damit nicht aus Unsicherheit Missverständnisse aufkommen. Wir müssen also in einer freundschaftlichen Mitte bleiben, um uns nicht selbst zu verleugnen und damit die eigenen Erkenntnisprozesse.  Ungünstig ist immer, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, die zu unsicher sind bezüglich ihrer Identität. Eine neue Identität ist aber kein Bruch mit der Vergangenheit, denn hier können wir uns selbst nicht verzeihen.  Wir brauchen die Kontinuität für die Legitimation unserer Biografie und sollten Kälte besser vermeiden. Wer diese Kälte unterstellt, der ist auch zu anderen schlimmen Mutmaßungen fähig und zerstört die guten Absichten, die mit einer einvernehmlichen  und wohlwollenden Trennung verbunden sind.  Wer diese Absicht verkennt, macht sich und anderen nicht selten als irgendwie Betroffener das Leben zur Hölle.

Kontinuität gegen Kälte

Einer der schlimmsten Verletzungen ist die Ignoranz, der Unwille zur Auseinandersetzung. Nur im Gespräch können aufgetretene Missverständisse aufgelöst werden. Aber dazu gehört der Mut und die Zuversicht sowie ein positives Menschenbild, das der Rechtskonservative nicht besitzt. Er will den Menschen maßregeln und belehren und schreckt vor massiven Schädigungen nicht zurück. Wir kennen das auch von der extremen Linken, die den Menschen überschätzt sowie die Rechtskonservativen den Menschen unterschätzen. Sie rufen nach immer strengeren Gesetzen und Vorschriften, die aber möglichst nicht für die Mächtigen gelten sollten. Machtmissbrauch ist hier an der Tagesordnung dieser Zweiklassengesellschaft, auf deren Erhalt höchsten Wert gelegt wird. Helmut Plessner dachte, die Unergründlichkeit des Menschen sei die Öffnung für die Dimension des Politischen. Der Mensch ist komplex, aber dadurch nicht unberechenbar. Die komplexe Diversität ist die Ursache für die Demokratie, die sich ebenso entwickeln und bewegen muss wie der einzelne Mensch, um gesund zu bleiben. Wir werden uns selbst nur gerecht, wenn wir diese Dynamik erkennen und benennen können. Dieses Aushandeln darf weder im Privaten noch im Öffentlichen ins Stocken geraten, da wir hier nicht mehr in Kontakt treten für ein Begreifen des Komplexen als Komplexes und damit als Herausforderung für ein selbstbestimmtes und glückliches Leben, die Grenzen des Verstehens erweitern zu können auch für das persönliche Wachstum. In diesem Aushandeln werden wir zu ganzheitlichen Menschen mit einem weiten Horizont. Kälte hat hier nichts zu suchen, sondern die Wärme der Annäherung an den Punkt der Übereinstimmungen im Grundsätzlichen: der Garantie des freien Denkens und der Ehrlichkeit der Konsequenzen. Keine ideologische Regel kann dem Grenzen setzen, weil der Mensch hier an den höchsten Punkt des wohlwollenden Selbstdenkens kommt und Schädigungen aller Art unterlässt und vermeidet, damit sich die Menschen in der Kontinuität ihrer Entwicklung weiter entfalten und Freundschaft erhalten. Wir wollen eine hoch differenzierte Gemeinschaft und müssen dafür viel aushandeln, damit die Extreme nicht dogmatisch und falsch werden und so viel Unheil anrichten. Komplexität kennt keine einfachen Antworten und ermöglicht wertfreie Offenheit für eine neue Gesellschaft des Erschauens und des Beförderns gegen jede Form der Zerstörung von Biografien und Menschenleben durch einen meist unbegründeten Zwang zur Konvention. Die Hochkultur der Toleranz durch Verstehen und Einsicht ist ständig bedroht durch Einseitigkeit und Borniertheit. Gemeinschaft muss immer neu verhandelt werden – im Privaten wie im Öffentlichen.

Helmut Plessner: Grenzen der Gemeinschaft: eine Kritik des sozialen Radikalismus. Frankfurt am Main. 2002

Das eigene Denken

Schon in der Schule wird das eigene Denken kaum befördert. Das Tragische ist, dass es in der akademischen Philosophie und auch in anderen Bereichen so weitergeht. Vieles in der Ausbildung ist Dequalifiation

Den Elfenbeinturm des eigenen Denkens muss man sich selbst erarbeiten. Er wird nicht von außen befördert. Das eigene Denken wird auch oft falsch verstanden, weil es in gedanklicher Freiheit entsteht, die selten erkannt wird. Menschen machen ihre eigene Anpassung zum Maßstab und verfehlen so die Intention eines anderen, der sich darum bemüht, der Wahrheit näher zu kommen. Keine Wahrheit kann absolut gesetzt werden, wir brauchen die Intuition des Verstehens. Auch Hannah Arendt wurde angegriffen wegen ihres Verständnisses des Bösen. Das Begreifen von Schuld ist oft ein langer Prozess, aber muss immer neu bedacht und erörtert werden. Wir sind selten in der Position des Verstehens absoluter Wahrheiten, sondern auf dem Weg dorthin. Dieser Weg kann sehr leidvoll sein, wenn  man mit zementierten Vorurteilen zu kämpfen hat, die durch Ideologien entstehen.. Manch einer kämpft seit der geistig-seelischen Reifung mit der Angst vor Dequalifikation, die ein Teil dieser Gesellschaft ausmacht, einer unguten Macht der Anpassung an bestehende Verhältnisse. Wer diese hinterfragt, geht einen beschwerlichen Weg auch des Denunziertwerdens. Alle Ausbildung will vereinheitlichen und auf Konsens trimmen. Aber das führt auf weite Sicht zur Stagnation und zur extremen Einengung des eigenen Denkens, das wir besser befreien sollten in die Sphäre der besten Lösungen und des weitesten Horizonts. Davon sind wir weit entfernt und verunglimpfen dieses Ansinnen als Utopien. Das noch nicht Wirkliche ist nicht das Unmögliche, sondern nur das Verfehlte, für das die Kompetenzen noch nicht vorhanden sind. Wenn ein Teil unserer Bildung eigentlich nur Verbildung ist, müssen wir hellhörig werden.

Viele Ängste sind begründet

Die Angst vor Dequalifikation ist nicht unbegründet. Darauf beruht das System der Noten und der Zertifkate. Doch die Besten haben oft die Anforderung unserer Systeme nicht erfüllt. Wir sind auch nicht qua Philosophiestudium zum Denken prädestiniert. Das ist nur wenigen vorbehalten, die sich mutig auch zur eigenen Meinung bekennen und diese belegen können. Gegen den Mainstream zu argumentieren, setzt viel Courage voraus, die nicht jeder besitzt. So wie sich jemand engagiert, setzt er einen Kontrapunkt, der auch Kritik auslöst, weil wir uns selten auf eine Wahrheit kaprizieren können. Deshalb müssen wir gut begründen, damit uns andere auch gut verstehen. Ein gutes Herz ist ein wichtiger Gradmesser für eigenes Denken, aber nicht jedes beliebige Gefühl. Wir müssen hier unterscheiden, wo wir Eigenes mit Allgemeinem vermengen, so dass es falsch wird. Unser aller Ziel war es, das Denken möglichst zu objektivieren. Hegel hat diese Schwierigkeit verstanden und in seiner Logik thematisiert. Wir möchten uns einem möglichst allgemein vertretbaren Standpunkt annähern und so zu einem höheren Ergebnis zu gelangen, das Fortschritt möglich macht. Aber seltsamerweise sind wir steckengeblieben und verstehen den Standpunkt nicht mehr, den andere nur noch in symbolischer Weise thematisieren können, weil sie verletzt worden sind. Sie liegen deswegen nicht falsch, sondern können nur ihre Position nicht mehr so klar äußern.

Leiden schränkt die Vernunft ein und damit die Möglichkeiten

Die Welt hat genügend konventionelle Denker, die uns nicht begeistern und nicht aufbauen. Sie vermitteln nur das vermeintlich Sichere und irren sich nicht selten. Kritik und Gegenargumenten gegenüber sind sie immun. Sie bleiben bei ihren Fehleinschätzungen und wenn es das Leben anderer kostet. Es geht um Macht und um Rechthaberei. Die akademische Philosophie spielt heute kaum noch ein Rolle. Sie bewegt nichts, nimmt sich aber sehr wichtig und glaubt sich auf der sicheren Seite gegen die vermeintlichen Irrtümer anderer. Aber so einfach ist es nicht.  Wer unter den Defiziten leidet, ist nicht der Schuldige, sondern das Opfer eines sich selbst verherrlichenden institutionellen Denkens, das über den eigenen Tellerrand nicht hinwegschaut. Es versteht das schon Gedachte und Anerkannte, aber nicht die neuen Ängste und Herausforderungen, die uns heute belasten. Eigenes Denken darf nicht auf die Anklagebank führen, sondern muss begriffen werden, um die Verletzungen durch Missverständnisse zu vermeiden, denn die führen nicht selten zu einer Resignation des Leidens, das das eigene Denken aufgegeben hat und nicht mehr in die Sphäre des Beobachters führt. Wer beobachtet, der möchte auch dokumentieren und nicht nur der Analysierer des eigenen Leidens werden. Das schränkt die Vernunft ein und verhindert die eigene Entwicklung. Jemanden vorsätzlich zu verletzen ist nicht Ausdruck von Moral, sondern genau das Gegenteil: Man will sich nicht auseinandersetzen  über das, was vermeintlich moralisch ist. Hier müssen wir immer ganz tief denken und dafür sind wir nicht ausgebildet. Wer dies dennoch wagt, geht das Risiko ein, durch bestehende Regeln erdrückt zu werden. Moral ist immer eine Frage der Begründung, die wir niemals unterlassen dürfen, damit sich die Dinge zum Besseren entwickeln.

Die Kraft der Worte

Modernes Priestertum ist möglich und wird praktiziert

Eine Religion der Liebe kann keine Religion der Glorifizierung des Leidens sein. Es gilt, das Lebendige so nah wie möglich zu erleben und zu thematisieren, wie dies heute Rainer Maria Schießler in München unternimmt. Er lebt und praktiziert aus der Mitte des Lebens und der Menschlichkeit, ohne die Attitüde des Erhabenen und Abgehobenen. Man spürt auch in seinen Predigten und seinen Büchern, dass er den Menschen Glück gönnt und alles dafür tut, dass sie nicht unnötig leiden, denn Leiden macht krank und unfähig für das Lebensprojekt. Rainer Maria Schießler weiß das und vermittelt schon durch seine Existenz und sein Wirken Sinn und Zuversicht. Er leistet etwas, was die Kirche ganz allgemein leisten sollte: den Menschen trösten. Die Kirche aber stellt lieber einen Regelkanon auf und verlangt Gehorsam. Sie will genau wissen, was Recht und Unrecht ist, bleibt aber so nur oberflächlich und marginal. Das ist auch der Grund, warum so viele Menschen aus der Kirche austreten, weil sie sich an Regeln orientiert, die nicht mehr eingesehen werden von einer doch recht aufgeklärten Menschheit.  Schießler postuliert dennoch: auftreten statt austreten. Das bedeutet Widerstand und Ungehorsam. Dieser Protest ist angemessen angesichts auch der Missbrauchsskandale und Rückwärtsgewandheit in der Kirche.

Mut zur Erneuerung der Kirche

Scheidung und Homosexualität kennzeichnen das moderne Leben, das sich an der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit orientiert und orientieren möchte. Das ist ein gesundes und vernünftiges Anliegen, das die Kirche aber weiterhin unterminiert. Sie darf das Leiden nicht zu einer Tugend machen, sondern sollte sich für das Glück der Menschen verantwortlich fühlen wie eben auch Jesus Christus, weil wir nur hier das Leben erfassen als Aufgabe und Möglichkeit, das zu sein, was wir sein wollen. Es geht viel schief in der Welt, deswegen muss die Kirche an das erinnern, wozu der Mensch auch fähig ist. Zur Empathie und zur Liebe, wenn die nicht wieder nur überkommenen Regeln unterworfen wird. Rainer Maria Schießler liebt das Leben und die Menschen und kommt ihnen so ganz nah. Er versteht ihre Nöte und Ängste und kann dadurch viel bewirken. Sein Einsatz ist ein ganzheitlicher und wird von den Menschen auch so anerkannt und geschätzt. Er ist echt und authentisch und vermag mit seinem Optimismus anzustecken, so dass man nicht aufgibt, auch von der Kirche Einsicht zu erwarten und dieses Sündendenken endlich nicht mehr  in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die guten Absichten zu erkennen, die viele Menschen haben, die aber nicht verstanden werden. Schuldig werden wir dann, wenn wir Fehler über einen langen Zeitraum nicht einsehen und andere leiden lassen, bis sie zerbrechen und die Orientierung verlieren. Die Kirche steht nicht über den Menschen, sondern sollte ihnen aus der Mitte heraus helfen, das Leben zu erleichtern, anstatt es zu beschweren. Jeder wird dann auch wieder gerne in die Kirche gehen.

Unsere Sensucht

Rainer Maria Schießler lebt heute mit seinem Lebensmenschen Gunda in einer Wohnung, um der Einsamkeit in der Dienstwohnung, die sicher auch schwächt,  zu entkommen. Priester sind auch Menschen und brauchen die Verständigung nach langen Arbeitstagen und dem Einsatz des Mutmachens für die  Zukunft anderer.  Wir freuen uns über das Gelingen auch des eigenen Lebens von Priestern, weil sie nicht übermenschlich daherkommen. Sie erklären auch ihre Sehnsüchte und wir verstehen selbstverständlich. Auch ein Priester hat ein Recht auf Glück durch das Zusammensein mit einem Menschen seines Vertrauens. Das muss nicht per se mit Sexualität verbunden sein, denn wirkliche Nähe entsteht nur im Herzen und nicht durch den Körper. Aber Schießler hat auch Verständnis für das allzu irdische Vergnügen. Er liebt auch die Feste und weiß um das Wahre in diesen Zeiten. Der Mensch sucht den Kontakt und die Nähe, will seine Sorgen vergessen und Kraft für die Zukunft erwirken. Das Einssein mit anderen, die Verbundenheit und die Einfachheit der Begegnung erfüllt ein Teil der Sehnsucht nach Liebe, die niemand absichtlich aufgrund von Dogmen und starrer Ideologie verletzen darf. Unrecht ist das Verletzen der Erwartung nach Achtung vor den Entscheidungen und Absichten anderer, die  meistens eben gut sind und nicht schlecht. Das Schlechte wollen wir nicht. Das ist weder Krankheit noch Dummheit, sondern schlichtweg ein kaltes Herz, das sich nicht erwärmen kann.

 

Mut und Sakramente

Schießler spricht vom Mut zur Veränderung, wenn ein Lebensweg in die Sackgasses geführt hat. Dieser Mut ermächtigt den Menschen, zu sich und zu anderen zu stehen und das Beste aus jeder Situation zu machen. Wir sind nicht verdonnert, durchzuhalten, sondern wir müssen uns Gedanken machen, wie wir zu passenden Lösungen kommen. Die Sakramente können uns helfen, diese mutigen Schritte zu wagen und den kordischen Knoten zu lösen, so dass das Leben wieder lebenswert wird. „Sakramente muss man spüren“ so Schießler. Sie sind Symbole für ein Gelingen des Lebens in Aussprache und Verzeihung. Auch das Vaterunser will gelebt sein und nicht nur als Gebet verstanden werden. Wir können für uns selbst und für andere Partei ergreifen und dies auch kommunizieren. Eine bessere Welt ist immer die Welt des Dialoges und nicht der Einbahnstraße des Monologes.  Wir möchten uns öffnen für die Möglichkeiten der Existenz und Widerstände überwinden für die Offenheit der bedingungslosen Liebe, die vor den Todsünden schützt, die sich  in negativen Emotionen äußern und das Leben vergiften.

Rainer Maria Schießler:Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten. München 1. Auflage 2018

Inneres Wachstum

Heute wird viel von Degrowth und Postwachstum im Materiellen geredet, obwohl seelisches Wachstum den Menschen befördert – psychisch und spirituell
Aber es geht nicht um beliebiges Wachstum, sondern um reflektiertes und qualitatives Wachstum. Wer kontinuierlich psychisch wächst, kann die Probleme, die oft andere Menschen verursachen, überwinden. Der Mensch hat die Pflicht, sich und andere vor der Bodenlosigkeit der Existenz zu bewahren. Wer meint, dass ein Vakuum zur Wahrheit führt, unterliegt einer faschistoiden Propaganda, die nicht selten anderen das eigene Unvermögen, Sinn nicht schaffen zu können, unterstellt. Dieses Unvermögen kann Menschenleben zerstören. Wir haben die Pflicht, andere aus dieser Sachgasse zu befreien. Wer Sackgassen konstituiert und manifestiert, ist nicht so interessiert an der Annäherung an die Wahrheit, die komplex ist, aber nicht undurchschaubar. In vielen Situationen ist es gütig und realistisch festzustellen, dass man der Komplexität nicht gewachsen und mit vorschnellen Urteilen eher vorsichtig ist.

Wohlwollen statt Missachtung

Das Natürliche ist das Wachstumsphänomen zumindest was den Menschen betrifft. Er muss seine Fehler einsehen und sich von seiner Rolle auch wieder distanzieren können. Wir sind nicht qua Beruf in der Wahrheit, sondern sind hier in erster Linie einem Dogma unterworfen, das Menschen belehren will und nicht in die Lage der Selbsterkenntnis befördern könnte. Selbsterkenntnis ist immer auch Erkenntnis des anderen. Ohne Selbstzweifel ist sie auch nicht zu haben. Inneres Wachstum ist ein Prozess der Annäherung und der Sinnfindung in Auseinandersetzung und nicht in der Vermeidung des Dialogs. Wo das Wohlwollen verschwindet, ist der Zerstörung Tür und Tor geöffnet. Wer nur schlecht vom anderen denkt, der hat ein Problem mit sich selbst, spielt überall nur eine Rolle, ist aber im Grunde nur der Schatten seiner selbst und stellt sich nicht der Verantwortung. Das Sein ist nicht das Wesen und verunstaltet Umwelt und das Eigene. Ich bin nicht lebendig, wenn ich die Erwartungen von anderen erfülle, sondern wenn ich die Ungereimtheiten thematisiere, die unser Leben vergiften – im Privaten wie im Beruflichen. Das Gute ist das emotional  Erkennende, das den Abgrund als Verirrung identifiziert und verhindert. Wir geraten in die Irre, wenn wir uns nicht wahrhaftig begegnen und uns entsprechend zuwenden in Anerkennung dessen, was wir wirklich wollen und leisten.

Defizite behindern das Wachstum

Menschen verletzen aufgrund ihrer Beschränktheit. Die Opfer müssen oft lebenslang dagegen arbeiten und Energie investieren gegen dieses Unvermögen zum Wohlwollen. Die, die viel über dieses Thema reden, sind oft faktisch nicht in der Lage, es zu praktizieren. Hohle Reden führen nicht zu einem Vermögen der Einsicht. Aber der Verletzte hat immer die Möglichkeit, solche Defizite aufzudecken und sich zu erheben gegen den Irrsinn der Negativität. Wer Negatives in die Welt setzt, ist meistens kein Menschenfreund, sondern oft nur ein Narzisst der fehlgeleiteten Selbstliebe, der äußerlich wenig entspricht. Entziehen kann sich der darunter Leidende über die Reflektion, die die Defizite anderer von sich fern hält und zu einer inneren Position der Gelassenheit und des Durchblicks gelangt, um die Virulenz des Unvermögens anderer zu beheben. Bin ich zum Opfer solcher Menschen geworden, liegt es an mir selbst, die Unwissenheit und Borniertheit anzuklagen und sie zu beheben, indem ich mich in einer notwendigen Hybris über dieses Unvermögen hinwegsetze. Menschen brauchen die Heilung. Sehr viele werden krank, weil sie mit der Schlechtigkeit anderer nicht gerechnet haben. Sicher, wir leben nicht im Paradies, aber wir dürfen die Achtung vor anderen, die nichts verbrochen haben, nicht aufgeben. Es tut uns weh, wenn andere missachten und dafür irrsinnige Gründe suchen. Sie haben ihr Urteilsvermögen völlig verloren und bewegen sich in einem Zustand der Unreife und der Uneinsichtigkeit. Der Panzer der Ideologien wird mit den Waffen des Angriffs verteidigt, anstatt Achtsamkeit und Wohlwollen zu bemühen, um sich wieder den wahren Umständen zuzuwenden und den interessanten Dialog unter Gleichberechtigten zu führen.

Verletzungen des Verletzten

Viele kranke Menschen haben die Erfahrung gemacht, durch andere Menschen geschädigt worden zu sein. Selten ist die Version der Verständigung unter Verletzern und Verletzten.  Die ist nur möglich, wenn beide Seiten zur Selbstkorrektur fähig sind, wofür ein hohes Bewusstsein notwendig ist. Das Ausweichen löst kein Problem, sondern nur ein über sich selbst Hinauswachsen in die Sphäre der Überlegenheit. Stoisch sehen wir die vielen Versuche der Verletzung als Ausdruck des Verletztseins, das sich nicht bemüht, eine Sprache zu finden. Hier hat inneres Wachstum nicht stattgefunden, sondern weicht nur aus, indem es andere Schlachtfelder betritt, die ebenfalls nur Probleme verursachen. Das Ignorieren und Missachten fällt auf einen selbst zurück und verhindert Wachstum. Davon sollte sich aber keiner beeindrucken lassen, sondern den Weg des inneren Wachstums weiter gehen bis zur Lösung von Negativismen. die sich nicht zerstörerisch auf das eigene Leben auswirken dürfen. Mit dieser Psychohygiene verhindern wir das Schlimmste: die Abwertung des eigenen Lebens in der Übernahme der Verletzung des Nichtwissenden. Die meisten Tragödien entstehen durch die Aussetzung des Verständigens. Keine Philosophie kann darüber hinwegtäuschen.

Überschätzte Vernunft

Reine Vernunft führt nicht selten zu falschen Interpretationen und Analysen. Die Philosophie ist eine Männerdömäne und eine gehirnmäßig linkslastige Angelegenheit. Die Wahrheit verfehlt sie nicht selten und schafft auch Probleme, die eigentlich keine sind. Sie widerspricht oft der Ganzheitlichkeit des Menschen. Für die Wahrheit brauchen wir Gefühle, Intuition und Empathie der reinen Liebe. Wer in der Liebe lebt, macht weniger Fehler und verirrt sich nicht im Dschungel der Unwahrheit und fehlenden Wahrhaftigkeit. Reine Liebe ist keine Berechnung und keine Begierde. Hier können wir unseren Lebensmenschen finden, nach dem sich viele sehnen. Die Vernunft stellt oft falsche Zusammenhänge her, weil ihr die Erdung über die Liebe fehlt. Reine Liebe will die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Sie ermöglicht den Durchblick, den wir brauchen, auch um unheilvolle Gedanken zu korrigieren. Philosophen leben nicht selten in der Unwahrheit, in der Verfehlung der eigenen Gefühle. Authentizität und Identität erschließen sich nicht durch reines Denken.  Die Liebe verleiht uns Selbstbewusstsein gegen den ewigen Zweifel der Vernunft. Auch Sokrates, der uns aufklärte über unsere Irrtümer und die Liebe zur Wahrheit thematisierte, musste sterben wegen Unfähigkeit von Menschen, seine  Absicht zu erkennen, nichts einfach so hinzunehmen, sondern nachzudenken in der reinen Liebe zur Wahrheit. Hier bedarf es des ganzen Menschen,  ohne etwas abzuspalten. Die Götter hat Sokrates ignoriert, er wollte das Menschsein befördern, das sich der Wahrheit annähert ohne Orthodoxie.

Echtes Selbstbewusstsein

Es ist die Frage, ob wir überhaupt etwas erkennen, ohne unsere Gefühle zu befragen und sie auch ernst nehmen. In der Weite des Herzens verstehen wir richtig und können andere positiv beeinflussen. Dafür müssen positive Gefühle zugelassen werden. Hier ist auch die Selbstkorrektur möglich, die nicht das Selbstbewusstsein angreift, sondern erst festigt. Ich kann zugeben, Fehler gemacht zu haben, die meistens mit einem Verlust des Selbstbewusstseins einhergehen. Reine Liebe kennt keine Widersprüche und Ambivalenzen. Sie kann  heilen, indem sie daran erinnert, dass Menschen in ihrem tiefsten Inneren erkannt werden wollen. Hier zerreißt die Vernunft oft genug den Zugang zur Sicherheit, dass ich meistens zu wenig weiß, um urteilen zu können. Wir sind uns gegenseitig verpflichtet, uns zu verständigen, bis wir uns richtig verstanden haben und so ein stiller Friede eintritt, in dem sich Gott offenbart. Er ist da, wenn wir ihn suchen. Denkend können wir uns ihm nicht unmittelbar annähern, sondern in der Gnade der reinen Liebe, dass das Christentum ja eigentlich ist. Vordergründige Haltungen werden in ihrer Oberflächlichkeit durchschaut und korrigiert. Wir leben in der Wahrheit nicht durch reines Denken, sondern in allen Instanzen des Daseins. So wird Entwicklung und Reifung möglich. Einseitigkeiten verursachen Fehler, die Menschen voneinander trennen. Diese Trennungen verursachen Leiden.

Positive und reflektierte Gefühle

Wenn wir ehrlich sind, können wir unseren Gefühlen trauen, insofern sie reflektiert sind. Alle Tragik im Leben beruht auf Fehlinterpretationen und Missverständnissen, die wir beheben müssen. Man darf sie nicht einfach bestehen lassen, denn sie wirken weiter negativ. Menschen gelingt das Leben nicht wegen reiner Vernunft, sondern in der Ehrlichkeit der Gefühle. Die Irrtümer von Menschen bewirken nur weitere Verirrungen. Gegen diese Verirrungen hilft die emotionale Wahrheit. Ein gutes Herz schützt uns vor diesen Entgleisungen im Denken. Wer Philosophie studiert, der muss sich intensivst um seine positiven Gefühle kümmern, damit ich nicht zu dem Schluss komme, gar nichts zu wissen. Ich muss mich selbst erfassen und in dieser Erkenntnis handeln und nicht grübeln. Nicht alle unsere Gefühle werden erwidert, aber ich selbst darf meine Grundstimmung nicht negativ beeinflussen lassen. Wer gezielt verletzt, der macht sich auch schuldig, gerade wenn er das Scheitern eines Menschen in Kauf nimmt und alles dafür tut, damit das Leben scheitert. Leider existieren Menschen, die aufgrund falscher Moral Verbindungen zerstören. In der Philosophie geht es auch um das Gelingen des Lebens durch die Liebe zur Weisheit als Motor des Lebens und der Lebendigkeit.  Ohne diese Liebe wird die Philosophie zu einem Gedankenkarussel und führt in den Kreislauf des Leidens und der Blockaden. Fühlendes Denken führt nicht in den Irrtum, sondern in die Freiheit der eigenen Wahrheit. Das Band zwischen Menschen darf nicht durchschnitten werden durch falsche Polarisierungen.

Was uns verbindet

Die Einheit von Ost- und Westdeutschland wird seit 30 Jahren gefeiert, die Mauer der Ideologien ist verschwunden. Aber in den Köpfen des Volkes wurden neue Mauern errichtet und diese unsichtbaren Trennungen, die das Gemüt belasten, wirken weiter. Wer solche Mauern hochzieht, will sich nicht ändern, sich nicht entwickeln und reifen. Wir haben es wissenschaftlich weit gebracht, aber etwas ist auf der Strecke geblieben und löst tiefes Unbehagen aus, weil es nicht gelungen ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den humanen Fortschritt weiterzuführen für ein besseres Verständnis. Alles scheint politisch korrekt zu sein, aber das unfähige Aus- und Abgrenzen zieht sich fort in einem Beschuldigen für das Leiden, für das sich niemand entschieden hat. Dabei wäre es so leicht, einfach zuzuhören, was jemand zu sagen hat, worin sein Leiden eigentlich besteht und was dagegen unternommen werden kann. Nach dem Mauerfall traten nach kurzem Glück Misstrauen, Denunziation und Verleumdung bei entsprechender Kontrolle wieder auf. Beide Seiten vertrauen sich nicht mehr und befürchten weitere Verletzungen der Würde, der Nichtanerkennung des jeweils eigenen Lebens.

Die Wunden sind tief, man sollte sie auf keinen Fall verschweigen, denn so entstehen Feindschaften. Dabei wollten wir Freunde werden und am gleichen Strang der Gerechtigkeit ziehen. Das ist bis heute nicht gelungen.  Die Kontrolle ist nun für Ost und West gleichermaßen ein Problem des Misstrauens und des Verfehlens von Vertrauen. Wenn Algorithmen die Macht an sich reißen, dann heißt das für alle, Widerstand zu leisten. Mit der Digitalisierung ist auch unsere Demokratie bedroht, denn Computer kennen keine Persönlichkeitsentwicklung in Freiheit. Wir sind keine offene Gesellschaft geworden, wir beschuldigen uns weiter und lassen die Zeit verstreichen, die Einstellungen verändert, aber die auch ihren Ausdruck finden müssen, damit wir ein Volk werden, das sich nie wieder nach außen abschottet, sondern sich komplett entideologisiert, eine in menschlicher Hinsicht liberale Haltung annimmt, anstatt sich weiter hinter Vorurteilen zu verstecken, die gegen andere immunisieren sollen. Das rächt sich. So ganz ist es nicht gelungen, sich für die Nöte der Menschen zu öffnen und zu verstehen, dass wir in Frieden und Wohlstand leben wollen, ohne uns weiter zu diffamieren. Diese Praxis ist weit verbreitet und sie begreift die Ironie nicht  mehr, die Sachverhalte auf den Punkt bringt und uns aufrüttelt, uns selber zu durchschauen und zu korrigieren. Jede Begegnung ist eine Möglichkeit auch zur Selbstkorrektur und damit auch zu einer gewissen Demut, dass wir so vieles nicht wissen, sondern nur vermuten.

Die Frage ist doch, wie kann ich zu einem besseren Urteilsvermögen kommen? Je mehr ich integriere, umso klarer wird das Bild, denn ich erkläre mich bereit, anzuerkennen, was Menschen ursprünglich antreibt. Hier sind wir nicht so verschieden, verweigern aber das Zugeständnis. Würden wir uns also ernst nehmen und tiefer denken, sehen wir die Schranken, die wir aufbauen, um uns zu trennen, anstatt aufeinander zuzugehen in dem Versuch, an das Positive anzuknüpfen und es als Chance verstehen, das Leben tiefer zu durchdringen als Aufgabe, die wir lösen können, auch wenn wir scheinbar auseinander gedriftet sind. Die Beschuldigungspraxis verrät nur die Erstarrung und die Stagnation in der Entwicklung. Eine präzise Digitalwelt stößt auf den immer noch so unvollkommene Menschen. Es ist klar, wer hier eines Tages die Führung übernimmt, wenn der Mensch sich nicht wandelt und reift durch Erkenntnis seiner selbst in Kooperation mit anderen. Wir leben nicht in einer Hochkultur, was der Blick hinter die Fassaden offenbart. Dabei geht es nicht um faule Kompromisse, sondern um das Erkennen der Defizite und der Bemühung, diese auszugleichen, damit wir es gemeinsam besser schaffen, dieser Welt ein humanes Gesicht zu geben und uns unterstützen, das zu werden, was wir sein wollen. Ich kann nicht dankbar für Haltungen sein, die polarisieren und dadurch die Wahrheit verfehlen. Wir sind keine Kontrahenten, sondern in ihrer Identität doch schwer Verletzte, die Mühe haben, ihr Leben gegen die Nivellierung aufzubauen. Ohne Intuition und Empathie wird das nicht gelingen, denn die Vernunft ist nicht immer der beste Ratgeber. Der Kopf denkt sich in Dinge hinein, die oft keine Realität haben. Nur der ganze Mensch schafft die Versöhnung. Die Gnade der Verbundenheit kann uns heilen.