Die Kraft der Worte

Modernes Priestertum ist möglich und wird praktiziert

Eine Religion der Liebe kann keine Religion der Glorifizierung des Leidens sein. Es gilt, das Lebendige so nah wie möglich zu erleben und zu thematisieren, wie dies heute Rainer Maria Schießler in München unternimmt. Er lebt und praktiziert aus der Mitte des Lebens und der Menschlichkeit, ohne die Attitüde des Erhabenen und Abgehobenen. Man spürt auch in seinen Predigten und seinen Büchern, dass er den Menschen Glück gönnt und alles dafür tut, dass sie nicht unnötig leiden, denn Leiden macht krank und unfähig für das Lebensprojekt. Rainer Maria Schießler weiß das und vermittelt schon durch seine Existenz und sein Wirken Sinn und Zuversicht. Er leistet etwas, was die Kirche ganz allgemein leisten sollte: den Menschen trösten. Die Kirche aber stellt lieber einen Regelkanon auf und verlangt Gehorsam. Sie will genau wissen, was Recht und Unrecht ist, bleibt aber so nur oberflächlich und marginal. Das ist auch der Grund, warum so viele Menschen aus der Kirche austreten, weil sie sich an Regeln orientiert, die nicht mehr eingesehen werden von einer doch recht aufgeklärten Menschheit.  Schießler postuliert dennoch: auftreten statt austreten. Das bedeutet Widerstand und Ungehorsam. Dieser Protest ist angemessen angesichts auch der Missbrauchsskandale und Rückwärtsgewandheit in der Kirche.

Mut zur Erneuerung der Kirche

Scheidung und Homosexualität kennzeichnen das moderne Leben, das sich an der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit orientiert und orientieren möchte. Das ist ein gesundes und vernünftiges Anliegen, das die Kirche aber weiterhin unterminiert. Sie darf das Leiden nicht zu einer Tugend machen, sondern sollte sich für das Glück der Menschen verantwortlich fühlen wie eben auch Jesus Christus, weil wir nur hier das Leben erfassen als Aufgabe und Möglichkeit, das zu sein, was wir sein wollen. Es geht viel schief in der Welt, deswegen muss die Kirche an das erinnern, wozu der Mensch auch fähig ist. Zur Empathie und zur Liebe, wenn die nicht wieder nur überkommenen Regeln unterworfen wird. Rainer Maria Schießler liebt das Leben und die Menschen und kommt ihnen so ganz nah. Er versteht ihre Nöte und Ängste und kann dadurch viel bewirken. Sein Einsatz ist ein ganzheitlicher und wird von den Menschen auch so anerkannt und geschätzt. Er ist echt und authentisch und vermag mit seinem Optimismus anzustecken, so dass man nicht aufgibt, auch von der Kirche Einsicht zu erwarten und dieses Sündendenken endlich nicht mehr  in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die guten Absichten zu erkennen, die viele Menschen haben, die aber nicht verstanden werden. Schuldig werden wir dann, wenn wir Fehler über einen langen Zeitraum nicht einsehen und andere leiden lassen, bis sie zerbrechen und die Orientierung verlieren. Die Kirche steht nicht über den Menschen, sondern sollte ihnen aus der Mitte heraus helfen, das Leben zu erleichtern, anstatt es zu beschweren. Jeder wird dann auch wieder gerne in die Kirche gehen.

Unsere Sensucht

Rainer Maria Schießler lebt heute mit seinem Lebensmenschen Gunda in einer Wohnung, um der Einsamkeit in der Dienstwohnung, die sicher auch schwächt,  zu entkommen. Priester sind auch Menschen und brauchen die Verständigung nach langen Arbeitstagen und dem Einsatz des Mutmachens für die  Zukunft anderer.  Wir freuen uns über das Gelingen auch des eigenen Lebens von Priestern, weil sie nicht übermenschlich daherkommen. Sie erklären auch ihre Sehnsüchte und wir verstehen selbstverständlich. Auch ein Priester hat ein Recht auf Glück durch das Zusammensein mit einem Menschen seines Vertrauens. Das muss nicht per se mit Sexualität verbunden sein, denn wirkliche Nähe entsteht nur im Herzen und nicht durch den Körper. Aber Schießler hat auch Verständnis für das allzu irdische Vergnügen. Er liebt auch die Feste und weiß um das Wahre in diesen Zeiten. Der Mensch sucht den Kontakt und die Nähe, will seine Sorgen vergessen und Kraft für die Zukunft erwirken. Das Einssein mit anderen, die Verbundenheit und die Einfachheit der Begegnung erfüllt ein Teil der Sehnsucht nach Liebe, die niemand absichtlich aufgrund von Dogmen und starrer Ideologie verletzen darf. Unrecht ist das Verletzen der Erwartung nach Achtung vor den Entscheidungen und Absichten anderer, die  meistens eben gut sind und nicht schlecht. Das Schlechte wollen wir nicht. Das ist weder Krankheit noch Dummheit, sondern schlichtweg ein kaltes Herz, das sich nicht erwärmen kann.

 

Mut und Sakramente

Schießler spricht vom Mut zur Veränderung, wenn ein Lebensweg in die Sackgasses geführt hat. Dieser Mut ermächtigt den Menschen, zu sich und zu anderen zu stehen und das Beste aus jeder Situation zu machen. Wir sind nicht verdonnert, durchzuhalten, sondern wir müssen uns Gedanken machen, wie wir zu passenden Lösungen kommen. Die Sakramente können uns helfen, diese mutigen Schritte zu wagen und den kordischen Knoten zu lösen, so dass das Leben wieder lebenswert wird. „Sakramente muss man spüren“ so Schießler. Sie sind Symbole für ein Gelingen des Lebens in Aussprache und Verzeihung. Auch das Vaterunser will gelebt sein und nicht nur als Gebet verstanden werden. Wir können für uns selbst und für andere Partei ergreifen und dies auch kommunizieren. Eine bessere Welt ist immer die Welt des Dialoges und nicht der Einbahnstraße des Monologes.  Wir möchten uns öffnen für die Möglichkeiten der Existenz und Widerstände überwinden für die Offenheit der bedingungslosen Liebe, die vor den Todsünden schützt, die sich  in negativen Emotionen äußern und das Leben vergiften.

Rainer Maria Schießler:Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten. München 1. Auflage 2018

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