Arbeit an sich selbst

In der westlichen Kultur denkt man in Abhängigkeiten und erwartet oft Lösungen durch andere. Aber wer es gelernt zu denken und sich zu befreien, bleibt hier skeptisch und besinnt sich auf die eigenen Fähigkeiten, Dinge zu durchdringen für ein intensiveres und interessanteres Miteinander

Wir arbeiten nicht primär an uns aus Selbstoptimierungsgründen, sondern weil wir mehr verstehen wollen – auch uns selbst. Viele führen ein Leben an der Oberfläche und möchten auch gar nicht tiefer schauen. Solche Kontakte werden banal und langweilig. Um aber geistig und körperlich in Bewegung zu kommen oder zu bleiben, müssen wir die Eigenkräfte mobilisieren, die nichts mit Vereinzelung zu tun haben, sondern sich um mehr Gehalt in den Kontakten bemühen. Das Leiden am Sinn des Lebens ist oft ein Leiden am eigenen Unvermögen, die Dinge neu zu denken und eingefahrene Ansichten loszulassen, die nichts zu einem besseren Verstehen und einer besseren Verständigung beitragen. In der östlichen Kultur hat man die Hilfe zur Selbsthilfe gelernt. Diese Selbstkompetenz vermittelt ein gesundes Selbstbewusstsein und informiert Geist und Organismus positiv. Im Westen schreit man bei jeder Kleinigkeit um Hilfe und verliert so nach und nach das Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten. Der Mensch schrumpft, anstatt zu wachsen und sich zu entwickeln, auch um ein interessanter Gesprächspartner zu werden. Soziale Kontakte sind nicht einfach vorhanden, wir müssen sie gestalten und sie immer wieder neu betrachten, damit sie produktiv werden können im ganz allgemeinen Sinn. Sie wirken nur, wenn sie sich immer wieder neu auf den anderen einstellen können. Selbstverständlichkeiten lähmen und nehmen den Kontakten ihre Lebendigkeit. Wachstumshilfe auch für andere kann man vor allem auch über eine buddhistische Yogapraxis lernen, die insgesamt den Aufmerksamkeitsprozess erhöht und Missstände schneller erkennen lässt.

Wer am Selbst arbeitet, entwickelt auch das Soziale

Wer also ein Problem hat, sollte zunächst einmal versuchen, es selbst zu lösen. Gespräche bringen nur dann etwas, wenn ich für mich eine Lösung gefunden habe oder eine Haltung, die mir in der Selbstreflexion auch ganz bewusst werden muss. Oft ist die Erreichung des Bewusstseins schon die Lösung des Problems. Aber man braucht Geduld und Zeit, denn nicht alles ist sofort offensichtlich. In Gesprächen wird oft deutlich, wie wenig am Bewusstsein gearbeitet wird trotz der oft hohen Erwartungen an andere. Wenn  ich aber etwas von jemandem will, muss ich dafür auch etwas tun. Nichts ist einfach so vorhanden oder präsent. Wenn ich Aufmerksamkeit will, muss ich auch einen Grund dafür liefern. Wir sind nicht in der Kindheit der Bedingungslosigkeiten. Und Zeit wird immer kostbarer, ich kann sie nicht vergeuden mit Smalltalk und Dampfplauderei, die ja Ausdruck von wenig Bewusstsein sind und die Kontakte nicht vertiefen können. Wer an sich arbeitet, will auch, dass sich Soziales entwickelt. Alle Mühe wäre ja sonst vergeblich. Chronische und schizoide Kontaktverweigerer vergessen, dass der Austausch, die Verständigung manchmal eben notwendig ist und die Unterlassung zu enormen Störungen führen kann. Kontakte kann man zwar nicht erzwingen, aber manchmal muss man sogar in den Kontakt, um ihn dann ganz aufzulösen, wenn das so gewollt ist. Reines Vermeiden lässt zu viele Fragen offen und das Gedankenkreisen um die Person lässt nicht nach. Wir sind soziale Wesen, aber nicht qua Horde, sondern als Ausdruck unserer Identifikationen, ohne die wir keine Gruppen bilden können. Die Selbstidentifikation ist die Voraussetzung für ein bewusstes und wachsames Leben, ohne dass wir keinen Sinn erfahren. Ich identifiziere mich auch nicht über ein Umfeld, sondern bin Gestalter einer sozialen Konstellation mit Anspruch und zwar mit dem Anspruch, den ich an mich selbst stelle. Das ist legitim.

Narzissmus verhindert Wachstum und damit eine reife Auseinandersetzung

Gegen alle Fassaden, Masken und Rollen finde ich also einen Selbstausdruck, der mich eben auch unterscheidet und Entscheidungen erst möglich macht. Bewusstseinsarbeit verdeutlicht die Unterschiede, ohne aber Gemeinschaft unmöglich zu machen. Sie hat eben einen anderen Modus als den einer Gleichheit, die ja eher selten vorkommt. Synthesen müssen also auch hier erarbeitet werden oder bleiben eben auch einfach aus. Aber auch unterschiedliche Positionen können produktiv sein, wenn man denn auf Rechthaberei und pigheadedness (Starrköpfigkeit) verzichten kann. Je weniger ich denke, um so mehr bestehe ich auf Meinungen und Dogmen oder Verschwörungen. Die zu hinterfragen gelingt nur dem offenen Menschen, der sich bewusst mit den eigenen Haltungen auseinandersetzt. Nur der kann sich auch mit anderen auseinandersetzen und anerkennen, dass Konsens kein Zufall ist, sondern ein Prozess der wahrhaftigen Verständigung. Die will gelernt sein wie alle Selbsterforschung, die falsche Selbsteinschätzungen aufdeckt und erlöst.  Erlösung ist also primär eine Eigenleistung in der Erkenntnis, dass ich dafür immer eine höhere Energie benötige und ein höheres Bewusstsein anerkenne. Respekt kann also vor allem der erwarten, der sich bemüht, mehr Licht in die verworrenen Verhältnisse zu bringen und aufzuklären über Unzulänglichkeiten. Auch die Kontroverse will gelernt sein. Sie legt offen und sollte nicht als Destruktion oder Ablehnung verstanden werden. Es zeugt von kindlichem Gemüt, wenn hier nicht unterschieden wird. Jedem Wachstum steht allerdings ein unreifer Narzissmus entgegen, der sich eben nicht ändern will und sein Lied so lange singt, bis es wirklich keiner mehr hören will.

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