Die Pathologie des Normalen

Das Beklagen über die Entwicklung unserer Kultur hilft wenig. Es ist Zeit, neue Ideen in die Tat umzusetzen, damit wir wieder im Einklang leben mit der Natur und ihren Gaben auch für eine gesündere Entfaltung

Beim Lesen von Erich Fromms Anatomie der menschlichen Destruktivität fällt auf, dass er reaktionäre Argumente benutzt, um die Nekrophilie Adolf Hitlers zu begründen. Ein Schulversagen als Ausgangspunkt für seine Grausamkeit zu thematisieren, verkennt, dass das wilhelminisch-preußische Schulsystem der Angst, der Selektion, der Bewertung und Benotung  kein guter Start ins Leben ist. Fromm hätte ein Schulsystem, das demütigt, kritisieren sollen und nicht die Faulheit von Hitler als Grund für sein Versagen angeben. Nach allem, was wir heute über den Menschen wissen, sollten wir die Zwangssysteme aufgeben und Systeme des Ermöglichen etablieren. Es handelt sich nicht um eine Utopie, sondern wie das Beispiel Waldorfschule zeigt, um machbare Veränderungen für eine bessere Entfaltung der Persönlichkeit, die sich nicht überall und ständig entschädigen muss für das, was man ihr antut. Hitler ist ein gutes Beispiel für die Folgen der Pathologie des Normalen, die entweder krank macht oder Menschen entarten lässt. Wir haben diese Neigung noch lange nicht überwunden und tun nichts für die Abschaffung von virulenten Selektionssystemen, die durch Abwertung die gesellschaftliche Hierarchie etablieren. Dieses hohe Potenzial der Unzufriedenheit kann man sich sparen. Wir wären alle gesünder, wenn wir über Interessen und Neigungen sowie Begabungen lernen würden und so zu ganzen Menschen heranreifen, die so manchen Sturm im Leben dann auch überstehen. Der ewige Wettbewerb hat uns in eine globale Katastrophe hineinmanövriert und trotzdem findet kein Umdenken statt. Die Angst geht um und die war noch nie ein guter und gesunder Berater.

Notwendige Reformen sind keine Utopie

Wir sind immer noch dabei, Wirklichkeiten zu schaffen, die nicht lebenswert sind, die sadistisch motiviert sind und humane Entwicklungen verhindern. Es gibt heute Unternehmen, die ganz anders funktionieren als herkömmliche. Sie beuten den Menschen nicht aus, leben von der Motivation des Einzelnen und machen nicht gnadenlos Profite auf Kosten anderer.  Aber das sind noch Ausnahmen, denn der Mensch wird auf den uneinsichtigen patriarchalen Wettbewerb gedrillt, so dass wir angehalten werden, ein Scheitern als etwas Normales zu betrachten. Aber wir können eine Welt schaffen, in der es eigentlich gar kein Scheitern gibt – nicht in der Schule, in der Ausbildung oder der Universität und nicht im Beruf.  Der Mensch sammelt dann eher Erfahrungen über sich und die Umwelt und wächst an ihnen, anstatt zu erkranken und ganz auszufallen. Es wäre so leicht, auf ein notenfreies Lernen umzuschalten. Aber man schielt angstvoll nach China, wo der Drill an der Tagesordnung ist und alles gleichgeschaltet wird. Warum fällt es so schwer, krank machende Strukturen aufzugeben für ein gesünderes und entwickelteres Leben? Welche Interessen halten ein überaltetes System aufrecht, das nicht mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen korreliert?  Es ist der Wille zur Macht und die Angst vor der glücklichen Freiheit der Menschen, die nicht nur konsumieren und ausbeuten, sondern das Leben wertschätzen und all das, was diese Erde freiwillig hergibt. Dieses Gleichgewicht ist so fundamental ruiniert, dass sich die Verhältnisse verschlimmern könnten. Gute Ernährung gibt es dann nur für die Reichen und der Rest erleidet den Mangel. Schon die Verteilung der Vermögen auf dieser Erde ist erschreckend. Einige Wenige besitzen so viel wie die gesamte Menschheit und zwingen diese zur Anpassung an krankmachende Leistungssysteme. Wir beginnen langsam, uns zu schämen für diesen vermeintlichen Wohlstand, der bei näherem Hinsehen keiner ist. Alte Menschen werden wieder zu Kindern, weil sie in einer Gesellschaft leben, in der nur die vermeintlich Produktiven zählen.

Vom Niedergang einer Kultur, die kein Verhältnis mehr zur Natur hat

Wir haben aus den friedlichen Zeiten wirklich nicht das Beste gemacht. Die Überflutung mit Technologien, die nur vom Leben abhalten und ablenken, soll darüber hinwegtäuschen, dass wir den Weg in eine neue Moderne verpasst haben. Anstatt auf künstliche Intelligenz zu hoffen, sollten wir den Menschen neu entdecken und das, was er sein könnte, wenn er ohne Gewalt, ohne Zwang, ohne Angst, ohne ständige Bewertung aufwüchse. Wenn man sich die natürliche Kreativität und Persönlichkeit von Menschen ansieht, die mit Homeschooling aufgewachsen sind, wird das Defizit deutlich. Sie haben ihre Wurzeln nicht vergessen und lassen sich nicht einpferchen in zu enge Rollen, die dann auch noch in die Krankheit führen, wenn sie nicht passen. Ein offenes System des Ausprobierens und immer wieder Anfangens in der Suche nach dem richtigen Platz im Leben wäre wünschenswert. Das zynische Aussortieren von Menschen bezeugt den Niedergang einer Gesellschaft, die viel Wissen anhäuft, es aber überhaupt nicht umsetzt. Denken und Handeln stehen in keinem gesundem Verhältnis. Wir müssten es besser wissen, aber wir scheitern an der Praxis. Was heute Normalität ist, kann morgen schon ein System der Grausam- und Unerträglichkeiten sein. Die vielen Erkrankungen sprechen dafür.  Vielleicht waren sie zu optimistisch und mussten eine Realität begreifen, die ihren erarbeiteten Werten nicht entsprach. Wir sind es, die Wirklichkeiten erzeugen, die oft nicht sinnvoll sind und schon gar nicht lebenswert. Wir entdecken viel Neues, belassen es aber beim Alten oder lassen alles Neue wieder von der Bildfläche verschwinden, weil sich keine Lobby findet. Eine bessere Welt kann es nur geben, wenn wir bei den Wurzeln anfangen, Dinge zu verändern wie dieses veraltete Schulsystem, das sich auf ein völlig obsoletes Menschenbild bezieht. Das Schulsystem des Ermöglichens und nicht des Demütigens sollte eine neue Zeit einleiten. Wann es soweit ist, bestimmen wir. Und wir generieren bessere Menschen, wenn jeder seine Chance erhält.

Erich Fromm: Die Pathologie der Normalität. Zur Wissenschaft vom Menschen. Open Publishing

Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität. Hamburg 1979

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