Der Mainstream

Wir sind immer noch damit beschäftigt, unser Leben sehr stark zu normieren und unterliegen der öffentlichen Meinung, obwohl sie eindeutig nicht richtig liegt

Wer meint, er könne mit über 60 Jahren so einfach promovieren, der wird heute mit der Frage konfrontiert, ob das denn nun noch sein muss, wo doch die berufliche Karriere dadurch nicht mehr profitieren kann. Nun tun wir Dinge nicht allein deswegen, weil man sie materialisieren könnte, sondern weil Erkenntnisse einen geschützten Rahmen brauchen, auch um ernst genommen zu werden in Richtung Veränderung. Hier mahlen die Mühlen langsam und eingeschlagene Wege, die betoniert worden sind, gibt keiner so leicht wieder auf. Fehler im Denken und im System zu erkennen ist eine Sache, sie aber in den wissenschaftlichen Diskurs zu befördern eine andere. Leicht wird man abgedrängt in die Nische der privaten Veröffentlichungen, die keiner für relevant halten muss. Und der mediale Diskurs hat keine Macht zur Veränderung, sondern begnügt sich oft in der Rolle der Kommentierenden ohne Konsequenzen für die Allgemeinheit, aber oft zum Schaden derjenigen, die auf Missstände aufmerksam machen wollen und den Blick auf das Unzulängliche gerichtet haben, Unterstützer finden sie dafür selten, weil die Macht der Vorurteile stärker ist als die Überzeugungskraft der Erneuerer. Und gerade der Mainstream besteht und verlässt sich auf die Vorurteile, die im Grunde das Selbstdenken aushebeln und überflüssig machen sollen. Eine Gesellschaft funktioniert auf diese Weise und sie gerät ins Wanken, wenn Ausgrenzungen und Ghettoisierungen hinterfragt werden. Wir tun dies mit einer ganzen Reihe von Menschen, denen wir die Teilhabe absprechen und sie auch verbal diskriminieren, um uns so in Sicherheit zu wägen, im richtigen und guten Leben gelandet zu sein.

Das Vordringen des Staates

Sicher, Abgrenzungen sind notwendig, vor allem dann, wenn sie Einsichten beinhalten, nach denen die Regeln der Lebensklugheit folgen. Überall dort, wo Menschen instrumentalisiert werden, stimmt die Relation nicht. Des einen Glück ist des anderen Unglück und keine Gerechtigkeit der Welt kann diese Asymmetrie beheben. Solche Schieflagen verursachen enorme Probleme auch im persönlichen Umgang miteinander. Aber eine Gesellschaft darf keine Gruppe von Menschen sichtlich aufgeben und ihnen Rechte entziehen, durch die sie ihre Selbstorganisation verlieren. Ein Staat darf nur Hilfe anbieten, aber er darf niemanden bevormunden. Die Realität sieht anders aus: Menschen, die aufgrund von Verletzungen und Schicksalschlägen den Halt verloren haben, werden nicht mehr wirklich aufgebaut, was nicht leicht ist, weil es hierzu der intrinsischen Motivation bedarf, aber was auch nicht unmöglich ist. Gesellschaft und Staat behindern sogar Prozesse der Selbstorganisation und hebeln Menschen aus, denen man die Berechtigung versagt, die Stimme zu erheben und anzuklagen, dass vieles nicht im Sinne unserer natürlichen Verfassung geschieht und dadurch gesundheitliche Folgen entstehen, die die Volkswirtschaft stark belasten. Wer zu sehr mit den globalen Bedrohungen argumentiert, der hat nicht begriffen, dass der eigene Wandel zu lebensgerechteren Verhältnissen ein Klima der Gesundheit schafft, das wesentlich stärker und beĺastbarer operieren kann. Normierungen, die zu einer Erstarrung des Systems führen, verhärten das Bestehende und machen es unfähig, auf kritische Fragen zu reagieren. Die Lebendigkeit einer flexiblen Demokratie ist zu allen Zeiten bedroht von dem Willen zum Erhalt der Macht und der Mächtigen, die nur dann ihren Einfluss aufgeben, wenn unbestreitbare Fakten sie widerlegen. Aller Wandel aber erfolgt meist leise und wird höchst kritisch beäugt oder sogar niedergebrüllt – auch medial.

Eine undurchlässige Gesellschaft

Selbst die Wissenschaft hat es sich gemütlich gemacht und will sich nicht in die Nesseln setzen. Wir sind weit davon entfernt, unser Potenzial zu leben und eine Gesellschaft zu etablieren, die geistvoll und kreativ ist. Es bleibt oft bei Spezialthemen, die die Allgemeinheit nicht befördern und diese auch nicht interessieren. Diese Losgelöstheit aus der Verantwortung, die Dinge voranzutreiben, verursacht Unbehagen und Widerwillen. Überall ist es der Eigennutz, der nach außen hin als Verantwortung getarnt ist, es aber real nicht ist. Die Profilierungssucht befragt sich nicht mehr nach dem Allgemeinnutzen, sie gefällt sich selbst und bleibt auch selbstgerecht, ohne innezuhalten und sich zu fragen, wer all das Unrecht wieder ins Recht führen soll und damit in eine Gesellschaft des freien, transparenten und ehrlichen Diskurses für die Eröffnung von notwendigen Reformen, die den Wechsel von Systemen erleichtern, um dem Wachstumswillen des Menschen gerecht zu werden und ihn nicht zu unterdrücken und schwer zu beschädigen, so dass er lautlos stirbt und mit ihm der Mensch. Wie schwerfällig die Systeme regieren, kann jeder jeden Tag feststellen. Sie sind nicht auf Flexibilisierung ausgelegt, sondern auf Beharrlichkeit und das stört die gesamte Lebendigkeit einer Gesellschaft, deren Anthropologie noch lange nicht ausdifferenziert ist. Die Menschheit wird festgelegt und hat sich an diese Regeln anzupassen. Das Volk wählt die Regierung und nicht die Regierung das Volk (Bertolt Brecht), was aber manchmal schon den Anschein hat und sich hier Tendenzen abzeichnen, die nichts Gutes bedeuten. Wir legen viel Wert auf Bildung, misstrauen aber den Gebildeten, die dann doch nicht genug durchschauen und so manipuliert werden können und werden. Manipulationen werden dort eingesetzt, wo letztlich ein Missverhältnis aufgetreten ist zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Leere Versprechungen

Nein, wir sind nicht am Ende, wir haben noch gar nicht wirklich begonnen, uns zu fragen, welche Gesellschaft wir wollen und welche nicht. Dafür müssen wir uns anzuschauen, wozu der Mensch im Positiven in der Lage ist. Er soll nicht naiv und diffus irgendwelchen Glaubenssätzen folgen, sondern er muss differenzieren – für sich selbst und in Bezug auf andere. Hier droht kein Auseinanderfallen, sondern eine hohe Kommunikations- und Diskursfähigkeit, die durchlässig ist und keine Schranken und Hürden kennt. Davon sind wir weit entfernt. Die Wissenschaft tut das, was finanziert wird und wirtschaftliche Interessen widerspiegelt oder verkapselt sich in sich selbst, orientiert sich aber nicht an den Bedürfnissen von Menschen. Der Mainstream bleibt etwas zutiefst Suspektes, denn er findet sich ab mit Gegebenem, auch wenn es den besseren Einsichten widerspricht. Zynischerweise wird der angegriffen, der sich um Aufklärung bemüht und mit denen verglichen wird, die einfach nur ihre Arbeit tun, also sich weitgehend keine allgemeinen Fragen stellen. Sie würden den größeren Dienst leisten gegenüber denjenigen, die nicht anders können, als sich Gedanken machen um aufgetretene Probleme, die man vermeiden könnte und damit die entlasten, die nur ihren Dienst tun. Schon dieses gegeneinander Ausspielen zeigt die ganze Misere und die Arroganz derer, die sich eben nicht sorgen, sondern es sich unter Ihresgleichen gutgehen lassen und hier nicht mehr gestört werden wollen. Sie sind es, die die Ungerechtigkeiten zementieren und Hoffnung sabotieren. Die wird zwar noch eingefordert, aber mehr als ein hohle Phrase wird sie nicht.

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