Was ist Bildung?

Schüler und Studenten werden in Corona-Zeiten stark verunsichert und verdummt hinsichtlich der vermeintlichen zukünftigen Einbußen ihres Einkommens. Dabei wäre die Pandemie eine Chance für die Selbstbildung wie die des André Stern

Leistung ist die Erfüllung und Beantwortung des Vorgegebenen und der Lehrpläne. Man setzt weiter auf dieses vermeintliche Erfolgsrezept der Reproduktion und sanktioniert die Selbstbildung und die Universalbildung, um andere abzuschrecken, die Bildung bloß nicht in die eigene Hand zu nehmen. Dies war in den 70iger Jahren noch möglich und wurde auch respektiert, wenn Menschen Eigeninitiative gezeigt haben und sich außerhalb von Schule und Studium um ihre Bildung bemüht haben. Das liegt natürlich nicht unter der Kontrolle des Staates, der seine Bürger in die Norm drängen will und es nicht erträgt, wenn außerhalb der Lehrpläne Bildung stattfindet. Nun ist der Zauberberg von Thomas Mann oder Hundert Jahre Einsamkeit von  Gabriel Garcia Marquez keine Schullektüre, kann aber das Bewusstsein eines Menschen  wie viele andere Bücher auch, komplett verändern und beeinflussen. Das ist Hochkultur, die unser Leben bereichert und ein kritisches Bewusstsein ermöglicht. Doch das will  der Staat immer weniger und zwingt Menschen in der Ausbildung zur scheuklappenmäßigen Anpassung an Lehrpläne, die ihre zukünftigen Einkommen sichern sollen. Das ist eine Engführung von Bildung, die allen schadet und die wir letztlich auch nicht wirklich als Bildung verstehen können, sondern als eine Form der Indoktrination. Alles Selbsttätige wird hier unterminiert, ist nicht erwünscht, denn wir wollen ja keine Veränderungen, keine Dynamik, sondern den Status quo erhalten. Das ist nicht nur ziemlich langweilig, sondern auch gefährlich, denn die Arbeitswelt unterliegt starken Bewegungen und Modifikationen, auf die die Menschen nicht vorbereitet werden. Die Menschen, die gute Noten schreiben, werden in die Elitepositionen gehievt und sind vorwiegend nicht innovativ. Jeder Organismus – auch der des Staates- lebt aber von der Antwort auf veränderte Randbedingungen, die sich mehr als deutlich zeigen. Darauf ist das derzeitige „Bildungssystem“ nicht vorbereitet. Das Vertrauen in die intrinsische Motivation zur Bildung muss wieder wachsen, denn die Problemlösungsfähigkeit wird nur durch ein Übersteigen eines erworbenen Wissens möglich. Dafür bedarf es hoch individueller Vermögen bei freier Ideenentwicklung. Fortschritt geschieht nicht durch Anpassung, sondern durch Kritik, die Veränderung bewirken kann, wenn dann entsprechend nachgedacht wird.

Das Drama der Gleichschaltungen

Die Universität hat in den 90er Jahren vielen Universalstudierenden den Garaus gemacht und sie als Versager hingestellt, was sie natürlich zutiefst verletzt hat. Viele haben sich von dieser Verletzung nicht mehr erholen können, was dann wieder zum Anlass genommen wird zu behaupten, es lohne sich nur das Streben nach guten Noten und nicht das Ziel umfassender Bildung. Noten und Bildung sind nicht identisch und die Inhalte kann sich jeder zu jeder Zeit aneignen, auch wenn diese Bildung nicht sofort instrumentalisierbar ist. Letztlich gilt das für Lehrplanwissen auch nicht. Die Corona-Pandemie bietet also endlich Raum für individuelle Bildung und für das Lesen von Büchern, mit denen wir in der Schule nicht konfrontiert werden und die jeden in eine Art Quantensprung versetzen können bezüglich der Erkenntnisse über das eigene Leben, das als freie Gestaltung nach eigenen Interessen so eher möglich wird als über den Weg der Normierung von Allerweltsabschlüssen, die das Potenzial von Menschen nicht widerspiegeln. Corona verschärft die Debatte, anstatt die Chancen zu thematisieren und die Bildungswilligen zu entstressen in Richtung auf eine freiere Bildung, die mehr Eigeninitiative zeigt und diese auch in vielen Berufen gefordert wird und nicht ein Privileg der Selbständigen ist. Sicher, wir müssen unterscheiden zwischen Menschen, die auf Nummer sicher gehen und Menschen, die über den Tellerrand blicken wollen und müssen, um sich selbst gerecht zu werden. Diese Gleichschaltungspolitik ist erschreckend und hat in den letzten vier Jahrzehnten zugenommen. Resultat: Langeweile und komplette Einfallslosigkeit auf vielen Gebieten und Ebenen auch in den Wissenschaften, die nur noch auf gute Noten setzen und man hier die Defizite förmlich sehen und hören kann. Die Wissenschaften müssen dringend Probleme lösen, dürfen nicht sich selbst genügen und sich verselbständigen in sinnlosen Diskursen.

Die Strebergesellschaft ist nicht die Zukunft

Das geht so weit, dass alle Alternativangebote wie Waldorfschulen als Institutionen für Lernbehinderte diskriminiert werden. Die Propaganda der Diffamierung ist laut und eindringlich, aber auch in ihrer Perfidie durchschaubar. Man will den Einzelnen auf Linie zwingen und diskreditiert alles davon Abweichende als eine Form des Außenseitertums. Nur, was ist der Insider? Wie sieht der aus und was beschert der uns? Erst einmal das Immergleiche in Abwehr des Innovativen, das meistens ein Produkt der Selbstbildung und des Selbstdenkens ist, aber sich nicht immer materiell bezahlt macht, weil materieller Erfolg eben in erster Linie in der Anpassung besteht. Für neue Ideen wird man vornehmlich in der Werbung bezahlt, die in der Tat oft den normativen Rahmen sprengt als Ausdruck nach einem allgemeinen Wunsch nach Ausbruch aus den veralteten Konventionen. Und man bleibt auch lieber unter sich: die Streber unter den Strebern und die Innovativen unter den Innovativen, denn dahinter verbergen sich unterschiedliche Lebensmodelle, die sich nicht gut miteinander vertragen. Der Innovative deckt die Selbstgenügsamkeit des Strebers auf und wird dafür nicht unbedingt geliebt. Problematisch ist nur, dass diese Strebergesellschaft den Innovativen und den Universellen als Taugenichts diskreditiert und ihm eben mal so die Existenz entzieht. Das sind keine Einzelfälle und ist die Arroganz einer selbsternannten Elite, die kein Sowohl- Als auch gelten lassen möchte. Schuld ist ein Staat, der alle über einen Kamm scheren möchte und die Unterschiede zwischen den Menschen ignoriert. Eine gesunde Gesellschaft kann sich für das kritische Potenzial öffnen und es integrieren, damit wir nicht zu Marionetten werden in einem langweiligen Schauspiel. Viele mussten in den sauren Apfel beißen und wurden sogar krank, weil der Paradigmenwechsel in der Bildung das Besondere nicht integrieren und auf die Selbstbildung überhaupt nicht eingehen wollte.

Die unabhängige Bildung durch Bibliotheken

Reformschulen aus den späten 70er Jahren haben noch die Idee der Selbstbildung aufrecht erhalten, die heute weitgehend abgeschafft ist und wir auch in den Institutionen mit Menschen konfrontiert sind, die sich durch Profillosigkeit auszeichnen. Diese Verarmung in den Bildungsinstitutionen, die keine Identifizierung mit den Lehrenden mehr ermöglicht, ist die Vorbereitung auf eine Verödung der gesamten Bildungslandschaft. Die Innovativen werden bekämpft und mundtot gemacht, sie gefährden das Selbstverständnis der derzeitigen vermeintlichen Elite der Gute-Noten-Schreiber, die uns mit ihrer Einfalls- und Fantasielosigkeit nicht nur langweilen, sondern leider auch gefährden in Gesundheit, Wohlstand und Zukunftsfähigkeit. Deren Selbstgerechtigkeit speist sich aus der intensiven Förderung des Alltäglichen. Sie treten nach unten und räumen alles aus dem Weg, was nicht wie sie selbst ist. Das ist keine genuine und elaborierte Intelligenz, denn die erkennt das andere Paradigma und kann es integrieren, anstatt es zu unterminieren und damit völlig auszuschalten. Allen Bildungsinteressierten sei versichert, die derzeitigen Verunsicherer liegen falsch. Allerdings ist es unverantwortlich, auch noch Bibliotheken zu schließen. Hier kommt wirklich langsam der Verdacht einer schleichenden Diktatur der Verblödung auf. Und bedenken wir mal, worauf es in Zukunft ankommen wird, nämlich auf ideenreiche Originalität.

 

 

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