Gegen die Abgründe

Wir müssen analysieren, damit wir uns nicht den Hals brechen, aber wir sollten gleichzeitig immer die rechte Gehirnhälfte aktivieren für mehr Intuition, Kreativität und Gefühl aus Selbstschutzgründen

Es ist nicht immer leicht, der Wahrheit ins Auge zu sehen, sie auszuhalten und sie notfalls auch zu überwinden. Wer  nicht  in einem Resonanzumfeld lebt, bedarf der Analyse, damit es kein böses Erwachen gibt. Das ist die Tätigkeit der linken Gehirnhälfte, die sprachlich und analytisch organisiert ist, aber eben nicht ganzheitlich: Wahrheit erhalten wir nur durch beide Vermögen. Die Unerträglichkeiten und Unzulänglichkeiten sind für uns besser zu verkraften, wenn wir wieder vorerst mit uns selbst in Resonanz treten und die Intuition stärken. Wir brauchen ein besseres Lebensgefühl, wenn die Dinge um uns herum nicht so gut laufen oder wir mit Erkenntnissen konfrontiert sind, die uns erschüttern. Aber Erschütterung und Verzweiflung darf nicht so viel Raum gegeben werden. Wir müssen dagegen halten, um uns selbst zu schützen. Darauf zu warten, dass uns die richtigen Menschen begegnen, ist keine gute Strategie. Hier sei  angemerkt, dass wir vor allem auch durch das Lesen von Büchern mit Menschen in Resonanz treten können, die sich viele Gedanken gemacht haben, um andere zu inspirieren. Die lange Konzentration auf die durchdachten Gedankengänge in Büchern vermitteln uns schon das Gefühl der Erlösung, des Verstandenwerdens und hinterlässt einen Eindruck von Glück, Freiheit und Gelassenheit. Das Versagen anderer tritt in den Hintergrund.

Der ganzheitliche Weg liegt vorerst im eigenen Gehirn

Das Problem der Inselbegabungen besteht oft darin, dass nicht das ganze Gehirn „trainiert“ oder aktiviert wurde. Bestätigung erhalten wir oft nur durch das Aktivieren der linken Gehirnhälfte, die aber nicht nur  keine Vollkommenheit ermöglicht, sondern auch zu schweren Defiziten im Miteinander führen kann. Der ganzheitliche Mensch ist derjenige, der tiefer schauen und Menschen sowie Dinge auf sich wirken lassen kann, um besser zu erkennen, was oder wen er da vor sich hat. Eigentlich sind diese Fähigkeiten auf das ganze Gehirn verteilt, aber wir belassen es mal bei dieser räumlichen Einteilung. Die Linkslastigkeit unserer Gesellschaft will das Leben ausschließen und auch das, was uns bei Zeiten begegnet und bearbeitet werden will, damit wir als Menschen wachsen. Diese Chancen zu vertun, indem man sie ignoriert oder destruiert oder diskriminiert, kann sich zu einem lebenslangen Defizit auswirken und viele Einsichten versperren, die uns eigentlich zu wissenden und weisen Menschen machen könnten. Mit der Einfühlung und der Intuition kommen wir Menschen sehr nahe und vermögen hier viele Blockaden und Hemmnisse aufzulösen durch das intuitive Verstehen. Der Mensch wird dadurch befreit von falschen Vorstellungen, die andere an ihn herantragen, die nicht intuitiv die Identität eines Menschen begreifen und fördern. Wir leben in einer Zeit, in der man sich nichts mehr vormachen muss – weder seiner Familie noch der Gesellschaft. Zu sein, was man ist und sein will,  ist kein Privileg, sondern Menschenrecht.

Die Wahrheit über sich selbst ermöglicht die Erkenntnis des anderen

Der nicht zu sich selbst gekommene Mensch bleibt überall eine Fragwürdigkeit, ein Problem, letztlich auch ein Ärgernis, denn er tappt zu oft im Dunkeln und projiziert sein Unvermögen, ja auch seine Aggression  auf andere.  Zu sich selbst kommt man nicht durch einen Partner oder einen Beruf, sondern durch Eigenarbeit und Orientierung im Selbsterkennen und Denken, das immer über das Eigene hinausweist und entsprechendes Orientierungsverhalten nach sich zieht.  Diese Selbsterkenntnis ist genuin und nichts Aufgesetztes und von außen Gewolltes, das doch nur wieder zur Verkennung der Welt führt, weil der innere Anker fehlt und nur das Außen zur Erfüllung der eigenen Wünsche herhalten muss. Karrierebesessene Menschen leben in der Welt der Außenansichten und bemerken ihre Irrtümer nicht. Man macht sich und anderen etwas vor und interpretiert die Welt in dieser oberflächlichen Sichtweise. Das Innenleben bleibt verschlossen, niemand darf da hinein und schauen. Diese grundsätzlichen Vorbehalte dem Leben gegenüber werden dann auf andere Menschen übertragen, denen man das Schlimmste unterstellt und natürlich vermeintlich sichere Daten zur Stützung ihrer Ressentiments heranzieht. Mehr und mehr verlieren wir so den Kontakt zueinander, weil der Kontakt zu sich selbst nie wirklich erreicht wurde,  ja in einigen Milieus auch verpönt ist als Ausdruck von Egozentrik. Dem ist nicht so. Weil es überall keine reinen Motive gibt, ist die Aufforderung da, die eigenen Motive bestens zu durchschauen, damit wir nicht anderen auf den Leim gehen. Da ist nicht nur Gutes, wir dürfen das benennen und uns klar positionieren, damit wir nicht aus der Fassung geraten. Was andere nicht sehen, muss hier völlig außer Acht gelassen werden, weil die nicht in der Lage sind, Wahrheit zu generieren aus verschiedenen Interessenlagen heraus. Interessen sind immer subjektiv und damit bedenklich.

Das Konventionelles muss hinterfragt werden

Abgründen sind wir dann nicht ausgeliefert, wenn wir uns in uns selbst zentrieren und die innere Führung nicht aufgeben. Dafür brauchen wir Gewissheit und Selbstvertrauen. Heute wird oft der Weg in die Außenlenkung gegangen (auch therapeutisch), die viele Erkenntnisse zunichte macht und das Haus ins Wanken bringt. Wenn es gelingt, das Innerste bewusst zu machen – auch die eigenen Irrtümer – dann ist die Möglichkeit da, sich von dem zu lösen, was sich widersetzt und nicht bereit ist, sich selbst zu befreien von irrsinnigen Glaubenssätzen, die aus reiner Anpassung eben keine Wahrheit freilegen. Menschen, die vorsätzlich verletzen und schädigen, sind zutiefst Gekränkte, die sich ihrer eigenen Wahrheit nicht stellen wollen. Sie bemerken ihren Irrtum nicht und verteidigen ihn bis in einen Bereich völliger Destruktion, den sie auch noch rechtfertigen. Wer ihnen begegnet , der wird krank, wenn er nicht rechtzeitig versteht, dass es sich hier um Menschen handelt, die nicht lieben können oder das lieben, was sie vermeintlich nicht lieben sollten. Ihre Liebesfähigkeit ist zutiefst gestört. Das Halten an Konventionen macht sie nicht liebe- und verständnisvoller, sondern härter. Ihr Innerstes hat keine Stimme mehr und weicht nur noch auf Plattitüden aus. Sie verwechseln Liebe mit Begehren und begreifen nicht ihren eigenen Irrsinn, der sich nach außen hin  überträgt und schlimmstenfalls in anderen virulent weiter wirkt in einem Kreislauf der Verfehlung von Wahrheit, die wir umkreisen oder eben verlassen. Das ganzheitliche Insichruhen ist keine Gnade, sondern die Auseinandersetzung mit hoch entwickelten Menschen, die ihre Erfahrungen zu Papier bringen. Wer sagt, dass Bücher nichts bewirken können, hat nicht verstanden, dass hinter jedem Buch ein Mensch steckt, der uns eben nicht verbiegen will, sondern uns die Freiheit lässt, das zu werden, was wir sind.

Unter vielen anderen:

Nina Ruge: Sei Du der Leuchtturm deines Lebens. Selbstbestimmt und frei durch innere Führung. München 1. Auflage 2019

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