Paradigmenwechsel

 

Jeder Paradigmenwechsel ist auch ein Wechsel der Perspektive.  Man kann lernen, Dinge von einer anderen Seite aus zu sehen, wenn wir uns entwickeln oder neue Prämissen und Werte  für eine Haltung finden.  So ist die Bewusstseinsarbeit keine Psychoanalyse, die in Relation zu den freudianischen Annahmen steht und die Übertragung beabsichtigt, die aber dann meistens wieder therapeutisch überwunden werden muss. Die Bewusstseinsarbeit kommt ohne den Therapeuten aus und bezieht sich auf die Möglichkeiten der Selbsterkenntnis, für die man niemanden braucht. Aber  eine gute Introspektion ist notwendig. Die Annahme, nur ein Gegenüber kann die Wahrheit ans Licht bringen, ist einfach falsch. Der Dialog mag gewisse Anteile erhellen, aber die Wahrheitssuche ist ein Prozess der Anschauung des Selbsts, die für jedermann mit Bildung und religiöser Orientierung möglich ist. Letztlich ist die Psychotherapie hierarchisch, man traut dem Klienten oder Patienten nicht viel zu, sieht ihn als Gefangenen seines Denkens und Empfindens. Sicher, meistens sind es verhärtete Standpunkte, die aber durch tiefe Einsichten aufgelöst werden können. So manche verfahrene Situation beruht auf ichhaften , subjektiven Regressionen, die aber erkannt und überwunden werden können. Ich und Selbst sind nicht dasselbe. Das Ich will Recht behalten, will sich gegen andere durchsetzen, anstatt die Situation zu harmonisieren, damit sich jeder verstanden und respektiert fühlt. Aber auch die Grenzen eines Menschen müssen akzeptiert werden. Die virulente Ursache-Wirkungskette kann durch wahrheitsmäßige Einsicht umgewandelt werden, auch durch die Übernahme von Verantwortung und das Setzen einer neuen Ursache, die aus dem traumatisierenden Kreislauf herausführt.

So konnte die Haltung eines Menschen nicht verstanden, nicht nachvollzogen werden, weil die eigenen Absichten gut  und gesund waren, aber von einem Beteiligten nicht erkannt worden sind. Der befand sich im Konflikt und hat sich zurückgenommen, was als Affront missverstanden wurde und zu einem Entzug des Selbstbewusstseins geführt hat bei Handlungsunfähigkeit und Rückzug aus der normalerweise doch schützenden Institution (z. B. einer Universität). Heute kann man verstehen, was Menschen nicht leisten konnten, weil man selbst gewisse Haltungen nicht umsetzen konnte, eigentlich ohnmächtig dem Abstieg in die Verständnislosigkeit zusehen musste. Dabei hätte es gute Möglichkeiten gegeben, eine verfahrene Situation wieder ins Gleis zu bringen, um so das Schlimmste zu vermeiden. Aber das setzt immer Selbstvertrauen voraus und eine klare Orientierung, die wir auch in der Selbsterkenntnis brauchen. Es gilt, die eigene Begrenzung und Beschränktheit zu erkennen, um der Wahrheit wieder Raum zu geben, die heilt und die tiefen Wunden schließt, die aber vor allem wieder Möglichkeiten der Verständigung eröffnet. Wo etwas heillos verfahren ist, tritt die ordnende Kraft der Zuneigung und des Verständnisses. Jede Herabsetzung ist ein Rückschritt im Miteinander. Der innere Friede kann so nicht erreicht werden, der aber spielt bei jeder Heilung eine große Rolle.  Wenn der Grundkonflikt von Abstoßung und Anziehung (Resonanz) nicht aufgelöst wird, droht der Rückfall und Verirrung ist die Folge. Was  verwirrt, ist der Totalentzug von Auseinandersetzung, der Versuch, einen anderen zu blockieren in der Selbstfindung und in seiner Bemühung um Restauration. Die  mag banal aussehen, ist aber in Wahrheit harte tägliche Arbeit. Und im Zweifelsfall entscheidet die Bibel über richtig und falsch. Sie kann eine Therapie ersetzen, wenn man sie verstanden hat.

Auch Carl Wickland (1861-1945) hält es als Psychiater für möglich, dass fremde Seelen einen Menschen besetzen können, der medial veranlagt ist und/oder den seelische Erschütterungen immens geschwächt haben. In Dreißig Jahre unter  den Toten (1957) versucht er anhand seiner medial veranlagten Frau diese These zu verifizieren. Ganz unmöglich ist seine Erkenntnis nicht, denn wer an die Unsterblichkeit der Seele glaubt, kann sich auch solche Besessenheiten vorstellen. Seelen, die Störenfriede sind und Seelen, die helfen wollen, können sich demnach in einem Geist manifestieren, der dann aber meistens die Orientierung verliert und als psychisch krank gilt. Hier hilft aber kein Exorzismus, sondern die Stärkung des wahrhaftigen Selbsts, um sich durchzuhalten, auch wenn die Umstände schwierig sind. Es muss gelingen, wieder ganz bei sich selbst zu sein, um das Eindringende fern zu halten.  Dafür darf man nicht gegen einen Teil in sich ankämpfen, sondern sollte wohlwollend das gelten lassen, was Menschen verbindet und zum Austausch drängt. Die energieraubende Haltung der Antipathien schwächt  und der Mensch beraubt sich seiner Selbstheilungskräfte gegen das eigene verirrte Unbewusste oder auch Überbewusste möglicherweise in Kontakt mit anderen Seelen, die es gut meinen gegen ungebetene Eindringlinge, die weiter streiten wollen. Man muss nicht überall einer Meinung sein, aber man muss bereit sein, der Wahrheit immer mehr Raum zu geben gegen Spaltungen aller Art. Wo Spaltung ist, da ist auch die Unehrlichkeit nicht fern. Und Glück im Unfrieden ist eben auch nicht echt. Verstehen und Selbstverantwortung sind geeignete Maßnahmen gegen das Phänomen psychische Erkrankung, in der oft nur die Ohnmacht antwortet.

 

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