Endlichkeit versus Unendlichkeit

In der Natur ist alles endlich und determiniert durch Raum und Zeit und Kausalketten. Aber der Mensch kann die Unendlichkeit denken und findet sie im Kosmos bestätigt

Ludwig Wittgenstein meinte, dass die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit außerhalb von Raum und Zeit liegen müsse. Angesichts der Klimakrise, des Artensterbens sowie der Ausbeutung und Vermüllung des Planeten müssen wir einerseits die Endlichkeit der Natur begreifen und danach handeln. Andererseits brauchen wir den Begriff der Unendlichkeit für unsere Gesundheit und unser geistiges und spirituelles Wachstum. Damit wären viele Heilungen auch nur möglich, wenn wir die kausalen Zusammenhänge auch wieder überwinden. Kausale Zusammenhänge müssen zwar erkannt werden, aber man darf hier nicht stehen bleiben, sondern muss diese Zusammenhänge überschreiten durch eine Vorstellung des Unendlichen in Gott und Kosmos. Ohne diese Überwindung alles Kausalen bleibt alles determiniert und damit oft auch unlösbar. Alles Raumzeitliche muss also geöffnet werden durch ein Denken des Unendlichen als notwendigen Begriff für unser Seelenheil. Diese Dimension lässt sich nicht auf die Natur übertragen und man muss hier auch deutlich differenzieren, denn in Bezug auf die Natur sind wir zum schützenden Handeln aufgerufen. Verantwortung kann auch  nur dort stattfinden, wo etwas unter unseren Schutz fällt als denkende Menschen in einem Darüberhinaus des Betrachtens.

Ich darf hoffen angesichts einer prinzipiellen Offenheit

Der Mensch ist teilweise ein Naturwesen, aber eben auch ein Geistwesen, das sich mit der Unendlichkeit des Kosmos verbinden kann. Hier liegt auch der Grund für unsere Freiheit, die sich nicht eingrenzen lässt. Diese Teilhabe am Unendlichen macht uns zu einer Entität, die sich nicht im Funktionalen erschöpft. Schon Aristoteles (meines Erachtens auch schon bei den Vorsokratikern wie Anaximander) entwickelte zwei Unendlichkeitsbegriffe: das aktual und das potential Unendliche, das unseren Geist ausmacht, der sich eben nicht auf das Gehirn reduzieren lässt. Wir wissen wenig über unsere mentalen Kräfte, die aus sich heraus wirksam werden können und alle Determinierungen übersteigen. Damit ist alles Gewordene nicht etwas Endgültiges und Unerschütterliches. Wir müssen uns damit nicht identifizieren. aber wir dürfen auch die Verantwortung gegenüber der Natur nicht aufgeben. Die Unfassbarkeit des Universums darf uns nicht davon abhalten,  verantwortungsvoll zu handeln und möglichst so zu leben, dass wenig Schaden verursacht wird. Der Punkt der Irreversibilität bezieht sich nur auf die Natur, nicht aber prinzipiell auf den Menschen. Hier gibt es vieles. was uns geschadet hat, aber unser unendlicher Geist vermag uns daraus zu befreien für ein sinnerfülltes und prinzipiell offenes Leben. Wo etwas sinnentleert erscheint, hat der Geist sein unendliches Potential verloren und bewegt sich nur noch in Zwängen und Kausalitäten. So ist es ratsam, sich immer wieder mit der Idee des kosmischen Unendlichen zu verbinden, um unser Dasein zu erweitern durch neue Perspektiven. Die Unendlichkeit des Geistes liegt auch nicht außerhalb unserer Erkenntnis, denn die Wissenschaft der Mathematik operiert mit ihr.

Es geht um ein Anfangen

Wir müssen also deutlich unterscheiden, ob es um die Natur geht oder um unseren Geist, um alles Immaterielle. Die Quantenphysik kann hier eine Brücke schlagen und die Entitäten miteinander versöhnen. Harald Welzer schreibt in seinem Buch Nachruf auf mich selbst, dass wir aufgrund der Endlichkeit der Natur das Aufhören lernen müssen. Meines Erachtens geht es vielmehr um ein neues Anfangen unter veränderten Randbedingungen einer zunehmenden Verantwortung, die aber ohne Hoffnung, die sich aus dem Unendlichen speist, nicht zu haben ist. Auch das Sterben fällt leichter, wenn wir begreifen, dass alles Geistige nicht sterben kann und es deswegen auch ratsam ist, sich mit dem unendlichen Kosmos bewusstseinsmäßig zu verbinden, auch um aufgetretene Probleme so zu lösen, so dass ein Neuanfang immer möglich wird und wir uns so besser verständigen können. Ein Teil von uns muss sterben, ein anderer existiert weiter. Diese Ressource verringert die Wirkkraft negativer Ereignisse, die unser Leben so schwierig machen. Von der Idee des Unendlichen aus kann ich verzeihen – mir selbst und anderen. Bleibt alles kausal determiniert, verfalle ich dem Fatalismus und kann das Leben nicht in seiner vollen Präsenz ergreifen. Die vielen kleinen Tode, die wir durchlitten haben, führen in ein neues Leben von erwachten und voll entwickelten Menschen, die die Welt und die Natur erhalten wollen gegen den Sog der Destruktivität. Dafür bedarf es eines unendlichen Geistes, der in einer endlichen Hülle steckt, die aber nicht determiniert, wenn ich sie durchschaue. Die kann er verlassen, wenn er das dann üben möchte in Meditation und Kontemplation sowie durch die Erlangung einer Gestaltungsmacht.

Reine Analyse hat eine kafkaeske Note

Wir sehen, dass wir über die reine Analyse keine Heilung finden. Zwar verstehen wir die Zusammenhänge, aber wir kommen nicht über sie hinaus. Gerade aber die Überschreitung der kausalen Raumzeit öffnet den Raum für die neue Perspektive und für das Setzen einer neuen und heilsamen Ursache aus Freiheit, wie dies schon Immanuel Kant anmerkte gegen ein Totlaufen der Ursache-Wirkungsgesetze, die immer nur naturhaften Charakter haben. Wir bewegen uns  so in die Sackgasse und finden keinen Ausweg. Dieser Ausweg aber zeigt sich im Spiegel des Geistes mit der kosmischen Unendlichkeit, die Freiheit möglich macht und somit alle Kausalzusammenhänge auch wieder auflösen kann. Wenn etwas ganz und gar schief gelaufen ist im Leben, sind eben Fehler und Irrtümer unterlaufen, die wir durch reine Analyse nur zementieren und so die Selbstheilungskräfte aussetzen. Die Wiedergeburt, die Walter Schweidler in seinem gleichnamigen Buch für möglich hält durch Kunst im umfassenden Sinn des Lebens als Kunstwerk, kann nur im Heraustreten aus den gewordenen Zusammenhängen möglich werden. Ihr Verstehen wird dann zur Retraumatisierung, wenn ich nicht schon eine erweiterte Perspektive erarbeitet habe, die mir erlaubt, mich zu distanzieren und mich als freien Menschen zu begreifen, der nicht mit Kausalereignissen identisch ist. Ich bin weit mehr als das und habe dadurch auch die Energie, in die Potentialität zu driften, die alles Geschehene relativiert und neutralisiert – nicht unbedingt durch einen Lernprozess, aber doch in der Einsicht, dass mein Geist meine Persönlichkeit definiert und keine naturhaften Kausalvorgänge. Hier liegt die Lösung für ein Fehlverstehen der Relevanz von kausalen Erkenntnissen. Es ist nicht die Kausalität, die mich zum Menschen macht, sondern die Freiheit zum Neubeginn. Unser Gehirn ist darauf angelegt und wartet nur auf den Impuls für die Transformation der Heilung.

Walter Schweidler: Wiedergeburt. Freiburg/München 2020

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens. Frankfurt am Main 2021

Bewusstseinsenergie

Auf viele Krankheiten gibt es keine offiziellen und wissenschaftlichen Antworten, auch weil alles Geistige und Mentale schwer fassbar ist, das aber zur Heilung viel beitragen kann. Deshalb sollten wir uns den eigenen inneren Prozessen selbständig zuwenden, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren gegen alle Traumatisierungen und kranken Prozesse

Die Zeit heilt leider keine Wunden. Wer einmal richtig traumatisiert wurde, der muss viel Arbeit in die Überwindung dieser Erfahrungen stecken. Viele gehen ein Leben lang in die Therapie und finden doch keine Heilung, weil das eigene und innere Selbst nur über Selbsterforschungsprozesse erreichbar ist., wie sie in der Meditation und der Bewusstseinsarbeit möglich werden. In der Bewusstseinsarbeit schaut man sich genau an, was ist und was und warum so geworden ist.  Hier nehme man sich jeden Tag Zeit für diese Arbeit, damit die Zusammenhänge durchdrungen und verstanden werden können. Wenn wir das Gewordene verstanden, es klar und deutlich erkannt haben, werden auch Energien für die Heilung freigesetzt. Traumatisierungen blockieren auch das höhere Denken, das wir aber benötigen, um zu einer geistigen Energie zu kommen, die Probleme zu lösen in der Lage ist. Bewusstseinsarbeit legt dieses Denken wieder frei und schafft so die Voraussetzungen für eine freies und unbeschwertes Leben im inneren Gleichgewicht, das die eigenen Möglichkeiten dann auch wieder erweitert und herausführt aus der mentalen Enge einer Traumatisierung. Diese Arbeit soll unabhängig von einer anderen Person geschehen, denn Therapien können auch das Eigene verfehlen und verstellen und sind damit wertlos. Letztlich können sie auch nur die Selbstarbeit anregen, die eben nicht in den totalen Subjektivismus führt, sondern in die Freiheit von Unpassendem und Verletzendem zu einer objektiven Schau des Selbsts bzw. zu einer Verbesserung des Urteilsvermögens und der Generierung von Bewusstseinsenergie für die Lebens- und Gesundheitsgewinnung.

Die Krankheit zum Tode

Manche Menschen glauben, Sie hätten ein Recht zu verletzen und zerstören so den lebendigen Fluss der Begegnung, die Neues schafft und Altes hinter sich lässt. Hier ist das Leben in seiner Gestaltungstiefe am Werk und führt bestenfalls zu einem gemeinsamen Aufbau einer lebenswerten Wirklichkeit, die auch erfüllend ist. Oft aber schätzen sich Menschen falsch ein und reagieren dann auch befremdend, weil sie dieser Dynamik des Lebendigen nicht vertrauen.  Schon Henri Bergson sprach von einer élan vital,  einer seelischen Energie, die so vieles bewältigen kann und dem Leben zugewandt ist. Alle verletzenden und abtötenden Prozesse sind nicht nur nicht gesund, sondern sie können schwere Krankheiten verursachen, wenn sie nicht als defizitär erkannt werden. Wir müssen unter allen Umständen in Bewegung bleiben und uns nicht gegenseitig ausbremsen und blockieren, denn der Organismus und der Geist wollen wachsen und sich entwickeln und nicht absterben. Aber es gibt immer wieder Menschen, die tödliche Prozesse in Gang setzen und so auch Todesängste bewirken. Sie sind nicht im Fluss und ziehen andere in ihr Dilemma hinein. Die Frage ist, wie man solchen Menschen begegnet, die die Krankheit zum Tode realisieren und das Leben verweigern, den lebendigen und heilsamen Diskurs, der das eigenen Denken beflügelt. Man entlarvt sie möglichst frühzeitig, denn sie können die immer notwendige Bewusstseinsarbeit schwer behindern und gar aussetzen, wenn man sie nicht als kontraproduktiv erkennt. Letztlich ist es Erkenntnisarbeit, die wir leisten müssen, um nicht unterzugehen. Und der Mensch will sich ja auf Augenhöhe  mitteilen und nicht als unterworfener Patient oder Klient gelten. Diese Emanzipation aus allen Abhängigkeiten heraus in ein Klima der offenen Rede ist nicht für jeden begreifbar und schon gar nicht umsetzbar. Das Verstecken hinter Konventionen kann ersticken, aber für viele sind sie ein letzter Halt.

Gedankliche Bewegung für den mentalen Fortschritt

Wenn wir uns selbst gut verstehen in und durch die Bewusstseinsarbeit, verstehen wir auch andere besser und können uns besser orientieren und aufklären. Tiefe Erkenntnisse wollen und müssen mitgeteilt werden und auch in Korrelation treten mit schon ähnlich Gedachtem, was den eigenen Gedanken Auftrieb gibt. Darum muss man auch immer für das Lesen plädieren – nicht um es unkritisch zu übernehmen, sondern um es dann auch wieder modifizieren zu können für mehr Fortschritt auch und gerade in der Überwindung von Krankheiten aller Art durch eine bewusstere Lebensführung. Wer keine Diskurspartner findet, der liest eben Bücher und bleibt wachsam, denn keine Entwicklung und Entfaltung ist je abgeschlossen und beendet. Es geht weiter, die Dinge sind beweglich und lebendig, wenn ich mich nicht vor Veränderungen verschließe. Aber für alle Transformationen muss ich mich durch die Bewusstseinsarbeit vorbereiten. Sie werden dann wirksam, wenn ich nicht nur durchschauen, sondern auch erschauen kann. Ich erkenne das Potential und all die Fähigkeiten, die ich brauche, um ein erfülltes Leben zu führen. Dafür muss ich gedanklich in Bewegung kommen und bleiben und dem ausweichen, was nur ein Todesleben anzubieten hat. Kierkegaard hat die Krankheit zum Tode thematisiert und sie ist in noch so vielen Methoden, Maßnahmen und Haltungen wirksam. In diesem Sinne sollten wir sie rechtzeitig erkennen und auch kritisieren, denn sie können den Lebensnerv zerstören und Menschen in die Auswegslosigkeit treiben. Und was ist alles Denken wert, wenn es sich nicht mitteilt und anregt, um unser aller Leben genuin zu befördern- nicht als Schüler, Patient oder Klient, sondern als gleichberechtigter Partner in einem konstruktiven Gespräch zur Verbesserung der Lage – auch der allgemeinen, die ja allzu oft unerträglich ist, woran Menschen immer eine Mitschuld tragen. Mit genügend Bewusstseinsenergie können wir diese negativen Tendenzen aufdecken und verändern.

Henri Bergson: Seelische Energie. Jena 1908-1933 in: Philosophische Werke

Henri Bergson: Schöpferische Evolution. Hamburg 2014

Sören Kierkegaard. Die Krankheit zum Tode. Hamburg 1994

Die Debatte um die Sensibilität

Wir leben in Zeiten zunehmender Sensibilisierung, die sicherlich keine Regression ist, sondern ein Weg in ein achtsameres Miteinander. Statt also von Hypersensibilisierung zu reden, sollte man die Vorteile der Hochsensibilität nutzen

Svenja Flaßpöhler meint in ihrem Buch Sensibel, dass bei wachsender Sensibilität auch die Resilienz zunehmen muss, was aber ein Widerspruch ist, denn Resilienz ist ja gerade dort vonnöten, wo es ganz offensichtlich an Sensibilität mangelt. Darauf sollte man besser vorbereitet sein, denn es gibt Menschen, die wollen keine Rücksicht nehmen und die verhalten sich wie Ureinwohner ohne entwickelte Sprache. Da die meisten Probleme Beziehungsprobleme sind, müssen wir uns dahingehend sensibilisieren, andere nicht elementar zu schädigen. So können wir immer erwarten, dass mitmenschliche Verhaltensweisen gelebt werden, die uns nicht grundsätzlich vor den Kopf stoßen und so das Denken aushebeln. Wir leben noch lange nicht das menschliche Potential, das nötig wäre, um diese Schädigungen im Umgang miteinander zu vermeiden, aber wir sind in der Lage sind, hoch zu differenzieren  und können so dem Einzelnen gerecht werden. Unser Denken ist immer noch viel zu ideologisch und dogmatisch, so dass es Menschen durch Verallgemeinerungen schädigt. Es muss also eine grundsätzliche Verständigung und Vereinbarung darin geben, dass man sich nicht unterminiert. Wir alle wollen gut überleben und nicht unsere Zuversicht verlieren, dass auch schwierige Situationen gelöst werden können, weil das eben soziale Kompetenz bedeutet und die macht uns stark und letztlich auch resilient. Wir wollen keine Bollwerke gegen das Denken, sondern eine gesunde Durchlässigkeit für neue Antworten.

Es gibt kein Zuviel an Sensibilität

Sind aber einmal Krankheiten entstanden, sind diese nur heilbar über Differenzierung und damit über Individualisierung bzw. Personalisierung. Dafür bedarf es einer hohem Sensibilität, die versteht, sich in den Anderen hineinzuversetzen und die Folgen des eigenen Handelns bedenken kann. Einen weiten Horizont erhält man nicht durch Grobheiten und andere Plumpheiten, sondern durch eine hohe Intuition, die uns ermöglicht, über uns selbst hinauszusehen und hinauszuwachsen. Wo diese Fähigkeiten fehlen, wird der Mensch schnell instrumentalisiert oder gar ignoriert, wenn das Denken selbst auf dem Spiel steht. Man mag es lieber unverfänglich und begibt sich nicht hinein in das Abenteuer der Kontemplation und Reflexion, die die Differenzierung zum Ziel hat und nicht gestört werden darf. Sensibilisierung und Differenzierung korrelieren miteinander und verstärken sich. Widerstandskraft ist nur da notwendig, wo ich nur Widrigkeiten und andere Bösartigkeiten befürchten muss. Die wollen wir aber gerade durch eine Entwicklung zur Hochsensibilität verringern. Es handelt sich hier um keinen Luxus, sondern um ein Existenzial, das zu mehr Einfühlungsvermögen führt und in der Lage ist, das Mögliche vom Unmöglichen zu unterscheiden. Dieses Unterscheidungsvermögen ist auch Grundlage für unsere Entscheidungen, die aber nie Grundsätzliches in Frage stellen sollten. So müssen wir offen blieben für den Diskurs, auch wenn der an unsere Überzeugungen kratzt. Als Mensch bin und bleibe ich fehlbar und letztlich auch in meinen Urteilen angreifbar. Ich kann mich also nicht rühmen, wenn ich unmenschliche Tatsachen schaffe, die andere nur schädigen. Ich habe auch nicht das Recht, andere zu kränken. Das ist ein zutiefst gestörter Gedanke und sollte auch keine Toleranz finden. Nicht überall kann sich Liebe ereignen, aber wir sind uns immer eine gewisse Achtung schuldig. Missachtung ist Ausdruck fehlender Sensibilität meistens auf der Basis von Vorurteilen, die dann zu weiteren Unerträglichkeiten führen. Und Verletzungen, Kränkungen und Schädigungen sind keine Quellen der Inspiration, sondern häufig nur die Ursachen von Krankheiten.

Reflexion kann hoch sensibilisieren und so neue Erkenntnisse schaffen

Wenn ich also nachdenke, befinde ich mich schon auf dem Weg der Sensibilisierung, denn ich bin hier in der Lage, die Perspektiven zu wechseln und verschiedene Argumente abzuwägen. Ich muss mich selbst befragen, wie ich auf was reagiere und welches Verhalten ich mir von anderen wünsche. Kein Mensch will ignoriert und damit nivelliert werden. Es gibt Grenzen des Erträglichen und die müssen auch deutlich gemacht werden, damit Menschen lernen, sich verträglicher zu verhalten. Wer Feindbilder konstruiert, der setzt eine Kette in Bewegung, die nicht zu einer Heilung führt. Überall gibt es so Verfolger und Verfolgte. Der heilsame Gedanke kann sich  nicht durchsetzen. Aber manch einer will auch seine Machtposition ausspielen und andere determinieren, anstatt sie zu befreien für mehr Möglichkeiten. Es ist wichtig, sich solchen Menschen nicht zu unterwerfen, sondern ihnen die Stirn zu bieten und sie auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Werden wir sensibler, nehmen wir viel weniger einfach hin oder antworten auf destruktive Verhaltensweisen eben nicht mit derselben Destruktivität. Wir treten heraus aus solch gestörten Zirkeln und eröffnen neues Terrain der Verständigungen aufgrund einer zunehmenden Sensibilisierung, die als Hochsensibilisierung eben auch zu neuen Erkenntnissen im Miteinander führt. So ist auch nicht der Eros die stärkste Motivation, wie dies Ken Wilber noch sehen will, sondern der Wille zum Bewusstsein, der immer ein Wille zur Erkenntnis ist und die Aufklärung darüber will, was nicht optimal funktioniert und dringend verbessert werden muss. Der Eros ist eben auch Quelle von Missbrauch, Leid und anderen negativen Emotionen und taugt nicht für das Empfinden von Verbundenheit, die vor allem zur Grundlage hat, dass wir uns nicht gegenseitig schädigen. Hier wäre schon viel erreicht. Dafür sollte sich vor allem der Einzelne selbst gut kennen und sich dort weiter entwickeln, wo es gute Gründe dafür gibt.

Svenja Flaßpöhler: Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren. Stuttgart 2021

Ken Wilber: Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend. Frankfurt am Main 2011

Neun Wege in die Gesundheit

Die Psychotherapeutin Kelly Turner thematisiert in ihrem Buch 9 Wege in ein krebsfreies Leben Faktoren, die in vielen Fällen zu einer Radikalremission geführt haben. Diese Faktoren lassen sich auch auf andere Krankheiten ausweiten

Wenn die Schulmedizin an Ende gekommen ist mit ihren Maßnahmen, ist noch lange nichts endgültig entschieden. Bei allen schweren Erkrankungen – das gilt auch für mentale Erkrankungen- ist es notwendig, die Gesundheit in die eigene Hand zu nehmen. Kelly Turner identifiziert die Faktoren wie folgt: 1. Die Ernährung radikal umstellen, also Reduzierung von Fleisch, Zucker, Milchprodukten bei viel Gemüse und Obst, 2. Die Kontrolle über die Gesundheit übernehmen, 3. Der eigenen Intuition folgen, 4. Kräuter und Nahrungsergänzungsmittel nehmen, 5. Unterdrückte Emotionen loslassen, 6. Positive Emotionen verstärken, 7. Soziale Unterstützung zulassen, 8. Die spirituelle Verbindung vertiefen, 9. Starke Gründe für das Leben haben. Diese Maßnahmen sind in der Lage, das Immunsystem zu verbessern sowie zu mentaler Stärke zu kommen, durch die der Geist die Selbstheilungskräfte aktiviert. Kelly Turner beschreibt viele Fälle von Heilungen, die die Schulmedizin aufgegeben hat. Dem Tod nahe haben die Betroffenen Selbstverantwortung übernommen und ihr Leben geändert in Richtung Gesundheitsentwicklung. Da sich die personalisierte Medizin  nicht durchgesetzt hat und viele Menschen auch nicht durch die Schulmedizin geheilt werden, wird es notwendig, an sich zu arbeiten.

Die Körpersignale verstehen

Es ist weniger die Angst vor dem Tod, als die Angst im Leben zu leiden an verschiedenen Erkrankungen. Solche Beeinträchtigungen dürfen nicht in die Resignation führen. Der Mensch muss sich nur klar machen, wie viel Macht er über sich selbst hat. Eine Gesundheitsphilosophie bezieht sich auf das Denken und Handeln in Richtung Gesundheit. Dabei ist der Glaube an die eigenen Möglichkeiten von großer Bedeutung. Ohne Komplementärmedizin kann es eigentlich keine vollständige Heilung geben. Die unterstützenden Maßnahmen münden in einem zunehmenden Bewusstsein auch den eigenen Körper betreffend, der ja auch immer die Signale sendet, die verstanden werden müssen, damit eine stabile Korrelation möglich wird. Manchmal muss das ganze Leben verändert werden, damit Gesundheit eintreten  kann. Auch Beziehungen und Partnerschaften stehen hier zur Disposition. Krankheit ist auch Ausdruck von Unstimmigkeiten, die wieder ausgeglichen werden müssen. Die dafür notwendige Bewusstseinsarbeit bei höchst möglicher Selbsterkenntnis erlaubt Transformation und energetischen Aufbau. Dabei wird innere Freiheit gewonnen für ein ausgeglichenes und gelassenes Leben. Einerseits muss man sich sensibilisieren, um zu neuen Einsichten zu kommen, andererseits muss gleichzeitig die Resilienz gestärkt werden auch für die Handlungsfähigkeit bzw. die Umsetzung der Erkenntnisse.

Das höhere Bewusstsein befreit die Energien

Je höher das Bewusstsein umso tiefer die Erkenntnisse über die eigenen Zusammenhänge, die inneres Wachstum befördern. Krebs ist auch Ausdruck eines fehlgeleiteten Wachstums. Etwas findet keinen Ausdruck, kommt nicht in die Entfaltung. Auf Konventionen kann man sich hier nicht berufen. Man muss lernen, genau hinzusehen und zu hören. Sich selbst zu verstehen bleibt hier der Auftrag. Ein 10. Faktor wäre noch die Fähigkeit zur Reflexion in Verbindung mit einer kontinuierlichen Produktivität, in der das Eigene zum Ausdruck kommt. Gesunde Entfaltung als Gegenbewegung zur Fremdbestimmung und zu fehlgeleitetem Wachstum in organischer und mentaler Hinsicht. Mentale Erkrankungen haben einen Grund, der mir nur einleuchtet, wenn ich mir die Krankheit genau ansehe und die Dinge aufgebe, die belasten.  Bewusstseinsarbeit ist ein Mittel zur Energiegewinnung, die für jeden Gesundheitsprozess unabdingbar ist. Unser Geist weiß die Lösung. Er entwickelt die Konzepte, die dann zur Heilung führen können. Ich sollte hier mir selbst ganz nah sein. Man braucht keine Unsummen für diesen Heilungsweg auszugeben. Meistens genügt schon eine veränderte Einstellung, die dann zu wirksamen Gesundheitsmaßnahmen führt. Reflektieren ist der beste Weg in ein leidfreies Leben.

Kelly Turner: 9 Wege in ein krebsfreies Leben. Wahre Geschichten von geheilten Menschen. München 2015

 

Die Methoden der Destruktivität – eine Anklage

Es ist nicht immer körperliche Gewalt, die Schäden verursacht, sondern immer mehr die strukturelle Gewalt auch des Totschweigens, die nicht nur feindselig ist, sondern grundsätzlich eine Austauschunfähigkeit bedeutet, die letztlich Beziehung oder Befreiung unmöglich macht

Da erfindet einer viele Worte, die wenig besagen und ist nicht in der Lage, zu echtem Austausch in der Verständigung zu kommen. Er ist in seinem Wesen ein Vernichter und setzt seine Vernichtungsarbeit auch konsequent weiter durch. Im Anfang war der aggressive Affront der Verweigerung von Antworten. Heute sieht er keine Notwendigkeit mehr zu antworten, da sich der Andere nicht mehr instrumentalisieren lässt. Das ist uneinsichtig, unsensibel und ziemlich unreflektiert. Der Eine wird durch so ein Vernichtungsverhalten, das auch oft zu weiteren Gewalttaten führt, krank und der Verursacher solcher Unerträglichkeiten überhöht sich selbst. Im Grunde seines Wesens ist er sich selbst nicht gewiss, will aber ein anderes Bild vermitteln.  Das Totschweigen ist Feindseligkeit, die irritiert und dann auch eine Krankheit verursachen kann, wenn man dem Initiator gegenüber nicht kritisch genug ist und zu spät die Kurve gekratzt hat, sich nicht deutlich distanziert auch von solchen Manierismen, die im Nachhinein auch abstoßen durch ihre Verschleierung. Denken will klären und erklären und braucht dafür eine klare Sprache, die komprimiert ist und das Wesentliche thematisiert.  Aber die Furcht vor klaren Worten scheint tief zu sitzen. Jede wahrhaftige Auseinandersetzung bedarf aber dieser Beschränkung auf das Deutliche gegen alle Formen der nebligen Destruktivität, die immer Gewalt ist.

Die Reduzierung des Persönlichen

Deutlich aber wird nur das Unmäßige, das zum Vorschein kommt auch und gerade durch ein offensichtliches Versagen, das man dem Opfer solcher Methoden unterstellen möchte, um selbst wieder gut dazustehen. Keine Spur von Selbstkritik, sondern nur Floskeln und Zurückweisung des Ansinnens über eine Versagenssituation, die schwerwiegende Folgen hatte, zu sprechen. Die Anklage bleibt so aufrecht, wird eben nicht durch eine Aussprache, die zu objektiveren Ergebnissen führen könnte, gemildert. So kann es auch kein Verzeihen geben, denn die Haltung des Verursachers von Leid ist uneinsichtig und in ihrer Konsequenz brutal. Es fehlt vollkommen die Feinfühligkeit, die Verständnisbereitschaft durch ein modifiziertes Denken, das der Wahrheit näher kommt und sie von den Fehldeutungen befreit. Diese Freiheit wäre heilsam, weil sie den jeweils anderen als Person begreift, die sich mitteilen muss, um zu mehr Wahrheit zu kommen und die ein Recht auf Antworten hat, weil sie dem Betreffenden begegnet ist. Der aber versucht alles zu eliminieren, weil die Folgen ihn beschuldigen und er diese Schuld nicht anerkennen will. Das Prätentiöse so einer Situation und deren Bearbeitung hat etwas Unerträgliches und wenig Annäherndes an das eigentliche Problem des Versagens, das sich der Verursacher klar machen muss. Der zäumt das Pferd von hinten auf und will die so verursachte Krankheit als Grund für eine unmögliche Verständigung annehmen. Er weist seine Täterschaft zurück und bleibt in seiner Blase der Unreflektiertheit. Das alles hat etwas Stumpfes gegen eine Form der Feinsinnigkeit, die immer  mit hoher Empathie und Verstehen verbunden ist. Die sucht man hier aber vergebens. Das Totschweigen ist an sich schon eine Dumpfbackigkeit, die ihresgleichen sucht. Nun, hohle Dumpfbacken begegnen einem ständig, aber man vermutet sie nicht im geisteswissenschaftlichen Diskurs, der immer eine hohe Offenheit voraussetzt für ein Gelingen des Austausches. Wenn ich ständig das Schlechte vom anderen denke, wird jeder Ausdruck dahingehend fehlgedeutet und richtet so großen Schaden an.

Begegnung mit Folgen

Wenn ich einem fremden Menschen begegne – auf welche Weise auch immer- ist er mein Nächster und näher als diejenigen, die aus Zufall um mich herum sind, mich aber wenig interessieren. Mein Nächster kann nur der werden, der mich interessiert und nicht der, der ein Ansinnen hat. Ich kann eine Begegnung durch Totschweigen aller Argumente nicht ungeschehen machen oder sie dann in einer verschwurbelten Sprache schlichtweg wegzureden. Eine verfehlte Begegnung ist und bleibt dennoch eine Begegnung mit Folgen und ist nicht Illusion. Dabei geht und ging es nie um konkrete Erwartungen, sondern um die Notwendigkeit, in der gegebenen Situation eine Sache zu klären für die Weiterentwicklung beider Gesprächspartner. Man muss dafür die Symmetrie zulassen können, um zu Lösungen zu kommen, die das Leben benötigt. Es ist selten reiner Zufall, dass sich Menschen begegnen, die sich etwas zu sagen haben und die diesen Bedarf an Klärung nicht eliminieren dürfen. Gesundheit ist Entwicklung und möglichst mit einem Du im Dialog. Diese Entwicklung auszusetzen ist pure Gewalt und wird oft nicht verkraftet. Dabei geht es hier nicht um Nutzenbekanntschaften. Die können nur wenig beitragen zu einem Wachstum. Begegnung impliziert Veränderung und Entwicklung und hat deswegen auch einen ganz besonderen Reiz. Aber sie verlangt auch eigene Klärung der Intentionen und einer damit erkennbaren Wahrheit über sich selbst. Wer dieser Wahrheit nicht ins Auge sehen will, verweigert dann eben Antworten und befördert den Anderen in die Ohnmacht, wo eigentlich Rede hätte stattfinden müssen. Sich dem nicht zu stellen, deutet auf eine absichtliche Verschleierung der Tatsachen hin. Wer Wahrheit will, der stellt sich ihr auch im richtigen Moment und ergreift die Chance zur Wandlung und Einsicht sowie der Selbsterkenntnis. Die Feistigkeit der Antwortlosigkeit spricht heute allerdings eine eigene Sprache. Philosophische Abgehobenheit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass letztlich wieder ganz wenig gesagt wurde. Sich einmal und rechtzeitig auszusprechen wäre die Lösung gewesen, weil sie jedem das Wahren des Gesichts ermöglicht hätte und jeder in seinem wirklichen Sosein begriffen worden wäre gegen die Flucht ins Prätentiöse.

Wahres Weltbürgertum

Die zutiefst deutsche und europäische Tragödien- und Katastrophenproduktion ist nichts Weltbürgermäßiges. Sie ist provinziell und sperrt sich gegen die Hollywoodtherapie, zu der Rüdiger Dahlke immer wieder rät. Hier siegt das Gute, die Konstruktivität, man findet eine Lösung, die allen gerecht wird. Einseitige Lösungen im Sinne von Ablösungen ohne Aussprache sind nicht konstruktiv, sie halten die Wunde offen, an der so manch einer eben verblutet. Die Heilkunst besteht nicht im Verweigern des Dialogs, sondern in der Fähigkeit, selbst schwierige Situationen durch das Finden von Worten zu überwinden, die aber nicht ins Uferlose steuern, sondern das Gegenüber im Auge behalten und sie als Person realisieren. Wir sind keine Leerstellen, sondern Menschen mit Geist, Seele und Körper. Diese Instanzen dürfen nicht ins Stocken geraten, sondern müssen aktiviert werden durch das Bewusstsein, wieder als Person gesehen und verstanden zu werden, die im größeren Ganzen steht und nur so funktioniert. Werden wir also Weltbürger im Sinne des Findens von wirklich guten Lösungen gegen alle kleinliche und kleinbürgerliche Destruktivität, die nur das eigene Ego bewahren will, aber das Selbst nicht erhört. Das Selbst generiert höheres Bewusstsein und das vermeidet Gewalt in jeder Form für mehr wahrhaftige und dauerhafte Daseinsfreude.

Menschenrechtsverletzungen durch die EU

Mental kranken Menschen wird heute Gewalt angetan, weil sehr wenige Gewalttäter als psychisch krank diagnostiziert werden und hier ein pauschaler Zusammenhang hergestellt wird, der keine Realität hat

UN und WHO haben sich gegen die Gewaltanwendung gegen mental kranke Menschen ausgesprochen, weil diese Gewalt Betroffene zusätzlich schwer schädigt und traumatisiert. Die Europäische Union ist für die Gewaltanwendung, weil mentale Erkrankung mit Gewalt assoziiert wird und werden soll. Das ist für viele Menschen, die eben Opfer von Gewalt geworden sind und deswegen erkrankten, eine Katastrophe. Wer Opfer von Gewalt ist, der ist noch lange kein Täter. Die Aversion gegen Gewalt ist hier meistens besonders hoch und meistens auch reflektiert. Kranken Menschen Gewalt anzutun ist etwas zutiefst Unrechtes und Unethisches, das die EU nicht genügend berücksichtigt. Bulgarien und Portugal gehen einen fortschrittlichen Weg gegen die europäischen Menschenrechtsverletzungen, die die EU legitimiert, weil es Menschen gibt, die Gewalt anwenden, was aber nichts mit einer mentalen Erkrankung zu tun hat, sondern mit einer Sozialisation durch Gewalt bei fehlender Reflexion. Das gilt besonders für Menschen aus Kriegsgebieten. Hier wird Gewalt oft noch als Mittel zur Problemlösung angesehen. Es ist also notwendig, hier zu differenzieren, anstatt eine ganze Gruppe von Menschen zu verdächtigen und sie im Vorfeld zu schädigen. Menschen müssen behutsam und einfühlend aus ihrer Krise  begleitet werden, was ohne Weiteres möglich wäre, aber in den meisten Fällen nicht praktiziert wird. Auch die derzeitige medizinische Behandlung ist von gestern und schädigt mehr,  als dass sie hilft.

Ein Mangel an notwendiger Differenzierung führt zu Unrecht

Schuld ist nicht die mediale Berichterstattung, die immer wieder mental kranke Menschen als Gewalttäter hinstellt, sondern die verantwortlichen Ärzte in Kombination mit einer fehlgeleiteten Politik und Rechtsprechung, die Menschen mit mentalen Erkrankungen die Zurechnungsfähigkeit absprechen will. Auch ein kranker Mensch kann in jeder Situation darüber entscheiden, ob er Gewalt anwendet oder nicht. Er muss hier verantwortlich bleiben und gemacht werden und kann sich nicht auf eine Krankheit herausreden. Die Ursache für Gewalt liegt nicht in einer psychischen Erkrankung, sondern in einer fehlenden Abgrenzung zur Gewalt, die persönlich determiniert ist ganz unabhängig von einer Erkrankung. Krank zu sein ist eine Form der Passivität, der Ohnmacht, des Leidens, aber selten des Agierens oder Ausagierens durch Gewalt. Die hat persönliche Gründe, die im Charakter einer Person liegen. Es wird nicht genügend differenziert und dieser Mangel an Differenzierung führt zu großem Unrecht gegenüber kranken Menschen. Das ist nicht länger hinnehmbar, denn Geschädigte immer weiter zu schädigen ist etwas zutiefst Inhumanes und darf nicht legitimiert werden. Derart faschistoides Verhalten, das auch noch als rechtmäßig gelten soll, ist auch die Ursache für fehlende Akzeptanz in der Gesellschaft. Mental kranke Menschen werden ausgegrenzt und extrem stigmatisiert, obwohl sie Opfer sind, denen geholfen werden muss. Gewalt und Zwang ist keine Hilfe, sondern Verletzung der Person, der Würde und der Rechte von Menschen. Und natürlich kommt es aber doch eher selten vor, dass ein zur Gewalt Sozialisierter auch mental erkranken kann.

Eine skandalöse Rechtslage

Diese Legitimierung von Gewalt gegen mental kranke Menschen erinnert immer noch an das dritte Reich. Menschen werden nicht in ihrer Not wahrgenommen, sondern noch zusätzlich schwerstens belastet durch eine pauschale Unterstellung einer möglichen Gewaltausübung. Auch eine Traumatisierung ist ein Leiden, das nicht zur Anwendung von Gewalt führt und darf nicht als Entschuldigung gelten. Jeder Mensch ist unter allen nur erdenklichen Umständen verantwortlich für sein Handeln. Statistisch gesehen, sind mental kranke Menschen weniger gewalttätig als sogenannte gesunde. Das sollte zu denken geben. Ausnahmen dürfen nicht Grundlage für eine Gesetzgebung sein, denn es gibt keinen genuinen Zusammenhang zwischen Krankheit und Gewaltanwendung. Vielmehr ist Krankheit ein Ausschluss von Gewalt, weil hier oft Gewalt erfahren wurde, die natürlich abgelehnt wird. Die Tatsache, dass Ausnahmen zur einer allgemeinen schädigenden Gesetzgebung herangezogen werden, ist ein rechtlicher und auch medizinischer Skandal, der aber durch eine mediale Berichtserstattung beschwichtigt werden  und der Eindruck entstehen soll, diese Gewaltmaßnahmen seien gerechtfertigt. So wird das Leid der Leidenden verschlimmert und steht einer Heilung vollkommen im Weg. Und mentale Krankheiten wären heilbar, wenn man sich ihrer behutsam annehmen würde. Das ist heute nicht der Fall.  Mental Kranke  werden behandelt wie Menschen dritter Klasse, als wären sie es nicht wert, dass man sie empathisch annimmt, sie vorsichtig wieder in ein normales Leben hineinführt und ihnen so mögliche Behandlungen auch erklärt. Jede Krankheit ist ein Symbol für ein Leiden und muss entschlüsselt werden. Aber die Kommunikation mit Erkrankten hält man für überflüssig, was zu einer allgemeinen Misere in der Salutogenese geführt hat. Die Rückschrittlichkeit der EU ist im 21. Jahrhundert der Individualisierung auch im Zuge einer personalisierten Medizin nicht mehr erträglich. Und die Tatsache, dass mentale Erkrankungen heilbar sind, muss Druck auf Ärzte ausüben, die eine vermeintliche Unheilbarkeit nicht länger als Ausrede für ihre Inkompetenz anführen dürfen.

Existenzchamäleon

Im Interview mit Lars Eidinger in Sternstunde Philosophie auf 3SAT mit dem Untertitel Das Leben als Kunstwerk sagt der Schauspieler mehr über das Leben als so mancher Therapeut oder Philosoph.

 

Wir erarbeiten uns eine Identität, die das ganze Leben tragen soll. Aber Menschen erleben Brüche durch Schädigungen, die zum Umdenken auffordern. Sich immer wieder neu zu erfinden und zu definieren ist Ausdruck gesunder Lebendigkeit, die dann durch Wandel eine neue Rolle ermöglicht, die aus den Belastungen herausführt. Von Schauspielern kann man diese Fähigkeit lernen. Wir kleben oft zu lange an falschen Entscheidungen, die alles blockieren und die anderen Möglichkeiten verstellen, die es fraglos immer noch gibt. Für die Veränderungen braucht der Mensch Energie und Zuversicht. Jeder Mensch hat eine Reihe von Möglichkeiten und wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue für ungeahnte Ziele, für die man sich öffnen sollte. Es ist der Weg, der Sinn macht und nicht immer das Ergebnis. In eine neue Rolle schlüpfen zu können ist Befreiung von Belastungen, die die  Potenzialentfaltung behindern. Ein Schauspieler kann sich ausprobieren und an die Grenzen gehen, um ein starkes Selbstgefühl zu entwickeln. Jedes Scheitern kann in einen Erfolg umgemünzt werden, wenn man bereit ist aufzustehen und die Dinge anzugehen, die erfolgversprechend sind. Im Grunde ist auch der Wandel Ausdruck von Gesundheit und nicht die Erstarrung und Festlegung auf eine Möglichkeit, eine Rolle, eine Identität. Es gibt hier mehr Angebote, als man sich vorstellen kann. Viele Menschen sind erst erfolgreich geworden durch ein Scheitern in einer Sache. Die Überzeugung wächst mit den Einsichten über sich selbst.

Kunstwerk als Lebendigkeit

Der flexible seelische Apparat bietet neuen Sinn an nicht in Form einer Künstlichkeit, sondern sich und sein Dasein als kleines Kunstwerk zu betrachten, auch wenn man kein Schauspieler ist. Sich neu zu positionieren wird öfter im Leben notwendig und trifft viele Menschen, die sich mit neuer Energie der Herausforderung stellen und noch einmal oder auch immer wieder etwas schöpferisch beginnen.  Es geht also nicht um ein Aufgeben, sondern um ein Modifizieren, indem man die Dinge anders bewertet und die Chance sieht, die sich nun anbietet und ergriffen werden will. Je früher man umdenkt, ums so weniger belastet die alte Rolle, in die man schon längst nicht mehr hineinpasst. Das Korsett war zu eng und nun tritt an diese Stelle eine Freiheit, die inspiriert und motiviert. In der Fähigkeit zum Wandel steckt viel Gesundheit, denn so manche Anpassung war ohnehin nicht akzeptabel. Identitäten sind nicht immer tragfähig. Wir müssen uns selbst gut kennen, um einen neuen Standpunkt zu finden, in dem wir uns dann wiederentdecken und alte Gewohnheiten durchbrechen. Jeder kann aus seinem Leben ein Kunstwerk machen, wenn er sich innerlich befreit von belastenden und einschränkenden Vorstellungen. Das Leben geht nicht einfach weiter, es kommt zu mehr Bewusstsein und damit zu neuer Kraft einer gesunden Selbstwerdung. Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, ist eine Position auch der Kritik am Bestehenden, die ausdifferenziert werden muss.

Innovation gegen Anpassung

Aus einer alten Identität wird also eine neue und passendere, die weniger determiniert. Und hohe Intelligenz sieht auch immer den Mangel, das Defizit in so mancher Identität, die wir oft schon unbewusst verlassen haben, um zu neuen Ufern zu gelangen, die einem mehr entsprechen. Dies kann auch immer Hintergrund eines Scheiterns sein. Der Mensch hat sich hier selbst schon überholt und hängt nun in einer Rolle fest, mit der kein Glück mehr verbunden ist und keine Potenzialentfaltung möglich ist. Hier hilft nur noch das Umdenken und Erkennen, was wirklich zählt angesichts einer komplexen Welt, die viele Rückschritte macht und das als Fortschritt verkaufen will. Wer viel reflektiert, passt nicht so ohne weiteres ins Establishment. Er braucht den weiteren Horizont, um atmen zu können. Dieser Reflektionsdrang will ins Bewusstsein und will sich dann auch entsprechend mitteilen. In alten und engen Schuhen läuft es sich nicht gut. Wer eigentlich zu den Innovativen gehört, darf sich nicht an Verhältnisse anpassen, die er nicht gut heißt. Das volle Potenzial wartet schon auf die Entlassung in die gedankliche Freiheit. Wer nicht zu den Reproduktiven gehört, muss auf seine Gesundheit achten, die er nur in der Produktivität findet. Niemand will in einem Dampfdrucktopf verharren, in dem sich die Energien stauen, anstatt sie kreativ auszuleben. Ängstliches Anpassen an Missstände kann in die Krankheit führen. Die Fülle des Daseins besteht nicht nur in der Spiritualität, sondern auch in Bezug auf das sinnvolle Einsetzen seiner Kraft. Deshalb ist die Frage so wichtig,  zu welcher Seite man gehört. Sie ist lebenswichtig für das Seelenheil. Krankheit ist oft ein Zeichen der Fehleinschätzung. Die schillernden Facetten eines Daseins warten nur auf ihre Realisierung.

Selbsttherapie

Bei dem Begriff Selbsttherapie geht ein Aufschrei durch das Establishment und den Mainstream. Doch wer oft vor allem mentale Krankheiten als unheilbar deklariert, hat nicht recht.

 

Die Pathologisierungen nehmen zu, aber nicht die Heilungschancen im heutigen therapeutischen System. Wenn Ärzte und Therapeuten mentale Krankheiten nicht heilen können, liegt das nicht an der Art der Erkrankung, sondern an deren Inkompetenz. Dass man heute Psychotherapie studieren kann, ist kein Fortschritt, sondern ein weiterer Schritt der Anpassung ans System gegen Formen der Individualisierung und Personalisierung, die ein hohes Heilungspotenzial beinhalten. Das zeigt auch die viel beanspruchte Coacherszene. Was Schule und Universität nicht zu leisten in der Lage sind, müssen Mentaltrainer später ausgleichen, damit das Leben erfolgreich und sinnvoll wird. Ein nicht hinzunehmender Zustand. Aber es ist anstrengend, ein System zu ändern. Viel hilfreicher ist es, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen und aktiv zu werden in Bezug auf die eigene, vor allem seelische Gesundheit. Das ist einfacher, als man denkt und wesentlich effektiver als zeit- und kostenaufwendige Therapien durch sogenannte Fachleute. Jeder ist in Bezug auf die eigene Erkrankung ein Spezialist. Kein Außenstehender kommt der eigenen Psyche so nah wie man sich selbst. Sich selbst zu erforschen und zu ergründen durch Bewusstseins- und Reflexionsarbeit bedarf einer gewissen Bildung, die aber heute fast jeder hat. Der wirklich mündige Bürger wird in Selbstverantwortung zum Fachmann und Fachfrau für sein Problem. Das ist eine hoffnungsvolle und optimistische Haltung gegenüber der Resignation einer vermeintlichen Unheilbarkeit.

Mit Papier und Stift zur Gesundheit

Viele mentalen Erkrankungen beruhen auf Verletzungen und Schädigungen durch andere auch durch unvollkommene und faschistoide Bürokratien. Die haben wir noch lange nicht gänzlich überwunden. Auch die Annahme, dass der Einzelne sich nur in sich selbst verstrickt, ist ein Vorurteil. Niemand kennt die Ursachen einer Erkrankung so gut wie der Betroffene selbst. Der benötigt nur Papier und einen Stift, um sich der Selbsttherapie zu widmen und den Dingen auf den Grund zu gehen, ohne dass ständig von außen korrigiert wird. Die Selbstkorrektur stellt sich bei einer gewissen Übung von selbst ein. Gedanken und Gefühle werden schriftlich thematisiert und werden so immer bewusster und klarer. Ein Versöhnungsprozess mit sich selbst stellt sich ein und der Mensch wird sich der Zusammenhänge immer bewusster. Es ist auch ratsam, diesen Schreibprozess mit anderen Gesundheitsmaßnahmen wie Ernährung, die die Darmgesundheit fördert (Darm und Gehirn korrelieren miteinander), und Bewegung zu kombinieren, damit auch der Körper gesundet. So kann sich der Mensch wieder ganz mit sich selbst befreunden und sein Problem in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Das Thema Selbsttherapie wurde gänzlich abgewürgt und stattdessen ist eine unüberschaubare Therapeutenszene entstanden, die aber nicht über die nötigen Fähigkeiten verfügt. Es gibt sicher überall Spitzenleute, die aber oft dann auch kostspielig sind. Das kann sich nicht jeder leisten. Aber das eigene Nachdenken für sich selbst einzusetzen kostet so gut wie nichts. Wer sich die Selbsttherapie nicht zutraut, der kann selbstverständlich noch einen Therapeuten hinzuziehen, aber die Hauptaufgabe muss er/sie selber leisten, denn auch die Korrekturen stellen sich von selbst ein und der Blick wird immer objektiver, je tiefer die Erkenntnisse sind. Dieses Mindcoaching ist ein Selbstprojekt.

Heilsame Selbstzuwendung

Wer mental erkrankt ist, der hat sich selbst aus dem Blick verloren, er ist zu sehr nach außen orientiert und findet nicht den Zugang zu sich selbst, wenn er sich nicht mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Er sieht auf dem Papier die Fortschritte. Hier sollte er sich nicht zu sehr kontrollieren, sondern den Gedanken – auch den banalen- freien Lauf lassen. So gelingt ein Aufbauprozess gegen alle Degenerierungen, die sich einstellen, wenn das Bewusstsein nicht gefördert und genährt wird. Diese Form der Selbstzuwendung ist an sich schon heilsam auch durch Autosuggestion und affirmatives Denken, das sich zeigt, wenn man sich selber ernst nimmt und es wagt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die Angst vor einem zunehmenden Subjektivismus sind unbegründet. Der Schreibprozess an sich ist eine realitätsfördernde Maßnahme. Die eigenen Wahrheiten kommen an das Licht und das Selbstvertrauen steigert sich mit dem Training, die passende Worte zu finden. Wer das sagen kann, was er wirklich fühlt und was ihn aus der Bahn geworfen hat, versteht diesen Einfluss auf die Psyche und kann gegensteuern. Mit dem Bewusstsein entsteht ein neues Selbstvertrauen und inneres Wachstum. Man kann an das Positive im Leben anknüpfen und das in jedem Alter. Ich brauche dafür keinen anderen. Der Anschluss an das Ureigene kann so gefunden werden und die blinden Flecke werden auch durch Selbstarbeit beleuchtet sowie auch die Schattenseiten der eigenen Existenz. Es wächst auch das Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten, die dann zu einem erfolgreichen Leben führen, so dass über das entsprechende Handeln die Gesundheitsentwicklung in Gang gesetzt wird. Die dafür notwendige Energie liefert immer eine universelle Spiritualität. Und Erkenntnisse setzen ganz allgemein Energien frei. Das Innerste kann wieder heilen und der Mensch wird frei für seine Vorhaben, die sich wieder deutlicher und klarer zeigen. Auch die neuen neuronalen Verschaltungen lassen sich so beeinflussen für die Überwindung von Traumata. Das Thema Selbsttherapie ist ein Zukunftsprojekt, für das intensiver geworben werden müsste, denn es beinhaltet viel Potenzial auch für die Erweckung des eigenen Potenzials für den Lebenserfolg.  Und die Vorträge der Mentaltrainer sind zum Teil kostenlos im Internet aufrufbar.

Michael Mary, Henny Nordholt: Selbsterforschung, Mit sich selbst arbeiten.

Jay Earley: Meine innere Welt verstehen. Selbsttherapie mit Persönlichkeitsanteilen. München 2014

Jael Backe, Alexandra Reinwarth: Am Arzt vorbei geht auch ein Weg. Die Kraft der Selbstheilung. München 2018 1. Auflage

Bernd Krewer: Kulturelle Identität und menschliche Selbsterforschung. Die Rolle der Kultur in der positiven und reflexiven Realisierung des Menschseins. Saarbrücken 1992

Talane Miedaner: Coach Dich selbst, sonst coacht Dich keiner. München 2009

 

Orientierung

Es ist die Zeit der Reifung, die Anspruch und Wirklichkeit in Balance bringt, damit wir nicht den „Unendlichkeitsmaschinen“ ausgeliefert sind, wie Ariadne von Schirach unser Problem  in ihrem Buch die Psychotische Gesellschaft beschreibt.

Die Autorin zweifelt am Sinn der Spiritualität, die aber das verletzte, kranke und beschädigte Leben öffnet für neue Perspektiven und uns neues Denken ermöglicht. Spiritualität darf sicher nicht apolitisch und untätig werden, denn so ergreifen wir unser Leben nicht, werden nicht zu Gestaltern des eigenen  Daseins gegen eine zunehmende Ökonomisierung des Lebens, die die Angst vor dem Nichts schürt. Reife Spiritualität richtet sich gegen einen religiösen und fanatischen Fundamentalismus, der kaum gesprächsbereit nur abwehrt und abwertet. Unter einem spirituellen Vorzeichen wird die Selbstzuwendung gleichzeitig Weltzuwendung und kann die Chancen ergreifen, die dieses Dasein bereithält. „Auch der Fanatiker glaubt an Sachverhalte, die nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmen müssen“. Die Beschränktheit liegt darin, dass alles, „was das eigene Weltbild stört, nicht nur nicht wahrgenommen wird, sondern grundsätzlich nicht sein darf“. Er vermag den Zweifel nicht zuzulassen, den die  vielfältigen Wahrnehmungen des eigenen und des allgemeinen Lebens mit sich bringt. Wenn Orientierung nur Beschränkung auf wenige Dogmen bedeutet, ist sie Ausdruck der Angst und nicht Befreiung zur Wahrheit und Wahrhaftigkeit, die aber immer den Diskurs  und nicht die Behauptung sucht, um sich auch wieder ändern zu können.

Spiritualitiät ist kein Eskapismus

Leider kann sich die Autorin von allgemeinen Vorurteilen gegenüber mentalen Erkrankungen nicht lösen und kommt hier auch nicht zu tieferen Einsichten. Aber sie macht auf eine Degenerierung der Gesellschaft durch Angst und Ohnmacht aufmerksam, die wir durch Bewusstsein, Denken und Liebe überwinden können. Vor allem aber können wir gestalten und den Dingen so einen Sinn geben, die sie von Natur aus nicht immer haben. Sie kritisiert die spirituelle Haltung als gefühlte Unbegrenztheit, wo doch das konkrete Setzen von Sachverhalten erst die Substanz vermittelt, die es braucht, um nicht zu verzweifeln. Dabei besteht die Gratwanderung darin, sich nicht zu determinieren, sondern die Offenheit durchzuhalten. Wir erleben durch negative Erfahrungen die Enge der Determination und geraten so in eine Bedrohungslage, der wir nur entkommen können, indem wir handeln und hoffen, die Zeit sinnvoll nutzen und uns nicht nur unterhalten lassen. Wer nicht eingreift in das Lebensgeschehen, der wird früher oder später manipuliert, findet nicht seinen eigenen Weg und leidet so am ungewissen Leben. Sicher, alles Spirituelle kann zur Flucht vor der Wirklichkeit werden und verliert so die Selbst- und Veränderungskompetenz. Aber als positives Grundgefühl ist sie ein Teil ganzheitlicher Gesundheit, die zum Einflussnehmen drängt, damit die Probleme nicht lähmen. Sie begnügt sich nicht mit dem gelassenen Abwarten auf bessere Zeiten, sondern schafft die Energie für sinnvolle Produktivität.  Letztlich vermag sie den Menschen zu verorten und damit zu verheimaten gegen eine unbehauste Ödnis, die die Seele zerfrisst und die Welt und das Dasein in ihr als feindlich erlebt. Die Rationalität des homo oeconomicus übersieht die Lebendigkeit alles Seins und verstellt das Nichtzuberechnende, denn diese Rationalität kennt das Glück des bewussten Seins nicht, das sich eben nicht einschränkten lassen will, sondern möglichst frei entscheidet auch für einen immateriellen Sinn. Wenn Spiritualität Ewigkeit thematisiert, dann nur im Sinne des unbegrenzten Setzens von Möglichkeiten und nicht im Sinne einer Verlorenheit, die Unendlichkeit ja auch sein kann.

Eine gesündere Gesellschaft beginnt beim Einzelnen

Eine ängstliche Gesellschaft ist unproduktiv und unkreativ. Angst absorbiert unendlich viel Energie und erschöpft sich in der Negativität. Deren Nähe zur Sinnlosigkeit kostet den Menschen alle Zuversicht, die nicht unkritisch alles gut findet, sondern sich als Motor und Antriebskraft versteht, die Probleme beherzt anzugehen, die sich dem guten Leben ständig entgegenstellen. Das Leid lässt sich nicht verhindern, aber es ist in einem andauernden Prozess auch immer wieder überwindbar.  Das bedarf der Denkleistung und weniger langwieriger Therapien. Sich der eigenen Wahrheit anzunähern ist die Befreiung von falschen Vorstellungen und Erwartungen, die nur zu Störungen führen und das eigene Leben und das der Anderen behindern. So können wir spirituelle Realisten sein, ohne dass es der Spiritualität schadet. Und wo die rationale Sprache nicht hinreicht, entwickeln wir eben ein Narrativ, das das Wahre umschreibt. Die eigene Wahrheit zu erfassen bedarf hoher Reflexionsvermögen. Nur wer sich selbst begreift, entwickelt ein objektives Urteilsvermögen. Diese Wahrheit ist aber nicht Begrenzung, sondern ein Wissen, das diese Determinierungen auch wieder aufheben kann. So bin ich nicht das Produkt meines Seins, sondern meines produktiven Denkens und fühle mich hier prinzipiell frei und damit angstlos. Die Bedrohungen einer ökonomisierten Gesellschaft, die nur den Wettbewerb kennt und alle Anpassungsleistungen daran, werden unwirksam, wenn ich mich als das verstehe, was durch Reflexion auf das rekurriert, was wirklich trägt. Und das ist  nicht das Geld, sondern ein Leben ohne Angst und Sinnverlust. Der Verlust des Urvertrauens darf nicht nur bedauert werden. Wir haben es in der Hand, ob uns Tag für Tag und Schritt für Schritt ein Gewahrwerden gelingt oder ob wir versinken. Man nehme sich die Zeit für die notwendigen Überlegungen und werde so immer ehrlicher und genauer, damit das Bewusstsein eine Chance erhält, das Leben zu ergreifen auch gegen eine Unterhaltungsindustrie, die genau das verhindert. Und alles Ergreifen ist immer auch eine Form von Politik, die die Gesellschaft verändern kann zu einem Besseren und Gesünderen hin. Orientierung ist also nicht primär das, was ist, sondern was ich tue, um es zu ändern.

Ariadne von Schirach: Die psychotische Gesellschaft. Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden. Stuttgart 2019

 

Die Bedeutung von Symptomen

Für eine Heilung ist es notwendig, die Krankheit zu verstehen und zu analysieren, was die Schulmedizin nicht unternimmt

Oft leidet ein Mensch unter seiner Symptomatik, ohne den symbolischen Gehalt zu deuten. Das hat Konsequenzen für eine Heilung. Symptome treten so lange immer wieder auf, bis sie gelöst sind. Bis dahin ist es oft ein weiter Weg. Besonders mentale Erkrankungen müssen verstanden und entschlüsselt werden. Einfach nur Symptome unterdrücken ist keine Gesundheit und erst recht keine Heilung. Für die muss sich der Mensch anstrengen, damit die Symptomatik überflüssig wird. Die Sprache der Symptome ist nicht einfach zu verstehen, aber die Bemühung, die Bedeutung zu erfassen, darf nicht nachlassen – egal wie lange man unter einer Erkrankung gelitten hat. Deren Symbolgehalt zeigt den Weg, Gedanken besser zu integrieren. Ich muss mir also die Symptome ganz genau anschauen, um sie zu lösen. Die Sprache der Symbole deutet auf die Schwäche hin, sich selber auch in schwierigen Zeiten durchzuhalten. Abspaltungen und Unterdrückung von Inhalten bahnen ihre Weg ins Bewusstsein und können so behandelt werden. Es darf nie bei reiner Symptomunterdrückung bleiben, denn sie teilen etwas Relevantes mit , was ganz ins Bewusstsein gelangen will und muss.

Nicht Regeln und Strukturen, sondern Denkarbeit befreit

Der seelische und geistige Apparat ist sehr komplex und bedarf genauen Hinsehens, damit sich keine Symptome die Bahn brechen, die aus der Gesundheit herausführen. Sicher, Heilung ist ein großes Wort, aber der Mensch hat das Vermögen, negative Erfahrungen zu kompensieren und sich so wieder in die eigene Mitte zu begeben, die mit Distanz zu sich selbst wieder möglich wird. Distanzierung vom Leiden und damit auch von den Symptomen fördert die innere Festigkeit und erhöht die seelische Spannkraft. Die Entschlüsselung von Symptomen kann jeder für sich leisten, ein anderer durchschaut die Dynamik nicht. Wer also sehr reflektiert lebt, hat auch die Chance, hinter den Schleier zu schauen, um zu wachsen und zu reifen. Man kann diese Prozesse aufschreiben oder jemandem mitteilen. Die Arbeit als solche muss der Betreffende selber leisten, keiner kann einem diese Mühe abnehmen. Sich selbst zu verstehen ist eine enorme Herausforderung an die Introspektion. Immer wenn sich eine fundamentale Erkenntnis ereignet, reagiert der Geist mit Glück, es ist also ein Belohnungssystem aktiv, das die notwendige Rückkopplung enthält. Wer also über sich selbst nachdenkt und erkennt, was wirklich trägt, der bewegt sich auf dem Pfad zur Gesundheit. Es geht also nicht nur um das Einhalten von Regeln wie beispielsweise die des heiligen Benedikt, sondern um ein Durchschauen des eigenen Seelenapparates und seinen vielfältigen Ausdrucksformen. Wer aus der Bahn geraten ist durch Krankheitssymptome, der tut gut daran, sich selbst zu erkennen und wahrzunehmen, ohne ständig im eigenen Saft zu schmoren. Das Nichtwahrhabenwollen ist der Verdrängungsprozess, der nicht in die Gesundheit führt, für die wir zwar eine klare Intuition haben, sie aber nur umsetzen können, wenn wir kreativ werden in Bezug auf Verstehensprozesse, die sehr weit reichen können.

Die Kraft der Deutungsprozesse

Wer an Reinkarnation glaubt, der findet oft eine Erklärung für das Unverständliche, das sich im Leben ereignet und manchmal ins Bewusstsein vordringt, um bearbeitet zu werden. Krankheitssymptome spiegeln dann durch Bilder diese andere Gegenwart, die sich aus einer Vergangenheit speist. Es kann sich hier aber nur um eine Bereicherung handeln, die bewusst gelebt und anerkannt werden will. Sie will keine Verwirrung stiften, sondern das jetzige Leben erhellen und erweitern. Im Buddhismus und Hinduismus gibt es die Wiedergeburt. Das ist auch der Grund, warum wir ein bewusstes und achtsames Leben führen müssen, damit sich nichts Negatives etabliert, weil wir so unvorbereitet sind. Was also als mentale Krankheit klassifiziert wird, mag seinen Grund in der überindividuellen Vergangenheit haben. Die will und muss bearbeitet werden, damit es nicht zu Dauerstörungen kommt.  Die Vergangenheit kann eine Quelle der Kraft werden, wenn sie richtig gedeutet wurde. Deutungsprozesse sind oft langwierig, aber sie befreien aus der Unerlöstheit. Letztlich führt diese Denkarbeit raus aus der Ohnmacht des Unabänderlichen. Der Sprachgebrauch von Psychiatrie und Psychologie ist oft kontraproduktiv, denn er vermittelt keine Kompetenz sich selbst gegenüber, die der Mensch aber erlangen muss, um die Produktion von Symptomen verstehen zu können. Und wer Menschen als Geister sieht, braucht sich nicht zu fürchten, sie haben einen Sinn und möchten einfach gehört und wohl auch gesehen werden. Integrieren wir sie also ins Bewusstsein und erlösen sie über die produktive Einbildungskraft. Das Bewusstsein weiß auch immer, was wo wie und wann zu einem Einbruch geführt hat. An diesen Punkt müssen wir verweilen und ihn genau ansehen, damit die Vergangenheit nicht immer wieder verletzt und verwirrt. Die Symbolsprache der Symptome liefert den Schlüssel für das eigene Leben. Es geht nicht darum, die Medizin zu bestätigen, sondern um den höchst individuellen Punkt der eigenen Geschichte und eventuell über das individuelle Dasein hinaus.