Quo vadis?

Die Kirche will laut Kardinal Reinhard Marx den synodalen Weg beschreiten auch für die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale. Aber ist sie wirklich bereit für Veränderungen und in welche Richtung? Eine De-Sakralisierung ist nicht erwünscht, aber hinter der Fassade befindet sich nur noch wenig Spiritualität.

Wenn man das doch eher voyeuristische Buch von Frédéric Martel liest, wird einem doch klar, dass die Mitglieder der Kirche doch sehr gewöhnliche – zum Teil eben auch kriminell – Menschen sind, die besser anderen keine Vorschriften in Bezug auf ihr Leben machen sollten. Da passt etwas nicht zusammen, denn nur wenn ich besser bin als der Durchschnitt, kann ich mich moralisch entrüsten oder auf moralische Mängel hinweisen. Eine Kirche, die Pädophile deckt, aber wiederverheiratete  Geschiedene sanktioniert, ist in ihrer Tiefenstruktur krank. Auch die Ultrakonservativen, die auf einer Konversionstherapie bestehen für die Überwindung der Homosexualität, sind nicht nur intolerant, sondern begreifen nicht die Berechtigung  der legalen Neigungen. Es kommt viel Unordnung in die Welt, wenn man erlaubte Neigungen nicht respektiert und Menschen in ihrem Innersten verändern will, denn Gesundheit bedeutet ja gerade die Akzeptanz der eigenen Neigungen auch gegen den Mainstream und gegen die Erwartungen anderer. Menschen, die zu einer unnatürlichen Haltung gezwungen werden, entwickeln meistens stark homophobe Einstellungen, die wiederum anderen sehr schaden. Wer nicht zu sich selbst kommen darf im Rahmen der Gesetze, der versagt es auch anderen, und so geht es dann virulent immer weiter.

Askese ist keine Schande

Man möchte der Kirche raten, Menschen zu mehr Authentizität zu verhelfen, um das zu sein, was sie sein wollen. In einer gerade durch den Kapitalismus und das Internet sexualisierten Gesellschaft – hier argumentiere ich gegen Max Weber- ist es nicht leicht, keusch zu leben. Auch das Verbot der Ehe mag zur Kriminalität ( Pädophilie) und einer Homosexualisierung beigetragen haben. Wir wissen, dass nicht jeder keusch leben kann und es auch einfach nicht will. Es kommt überall zu einem sehr unheilvollen Doppelleben auch unter Verheirateten, die eigentlich homosexuell sind, aber nach außen hin eben homophob. Die Verhältnisse sind sehr paradox und wenig überzeugend. Heilig sind eben nur ganz wenige, die sich dann auch für die Asexualität entscheiden können. Sexualität ist kein Grundbedürfnis, wird aber als solches behandelt. Man kann ohne sie leben, ohne Schaden zu nehmen oder neurotisch zu werden, wenn es eine bewusste Entscheidung ist, die aber Charakterstärke voraussetzt. Der Verzicht auf Sexualität wird mit einer besonderen Glücksfähigkeit belohnt, mit innerer Freiheit  und mit einem höheren Bewusstsein, das auf andere wirkt. Diese Präsenz war ein Teil des Charismas der katholischen Kirche und bröckelt nun dahin.  Die Sexualisierung ist im Vatikan angekommen. Vielleicht fehlt es den Vertretern der Kirche einfach nur an Liebe, die sich dann zu einem Bedürfnis nach Sexualität entwickelt, der einzig möglichen Form der Nähe.

Frauenordination als Lösung

Die Kirche befindet sich in dem Dilemma, das Zölibat aufgeben zu müssen, um für die Liebe Raum zu schaffen, aber andererseits an den Vorzügen der Keuschheit und des Zölibats festhalten zu wollen, das aber immer weniger Menschen beherrschen oder leben wollen. Der Philosoph Jacques Maritain und seine Frau Raissa lebten in ihrer Ehe in Keuschheit und wurden von der katholischen Kirche verehrt. Zu dieser Art Liebe, die nicht instrumentalisiert und nicht körperlicher Natur ist, sind die Wenigsten fähig. Man kann das nicht zum Maßstab machen. Sicher ist, dass von solchen Ehen eine Faszination ausgeht, eine Intensität der Verbundenheit. Auch hier sind wir mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Sexualität eben stark profanisiert. Sie zu etwas Spirituellem zu erheben, gelingt nicht, denn ihre Freuden sind sehr irdischer Natur., betreffen den Körper und nicht den Geist. Wie also könnte die katholische Kirche reagieren, wenn sie wieder zum Vorbild für Menschen werden will? Sie muss vor allem ihre Frauenfeindlichkeit überwinden und einsehen, dass nicht die Frau verführt, sondern der Mann seine Triebhaftigkeit kultiviert. Frauen sind eher zum keuschen Leben bereit und auch befähigt. Dieses Potenzial links liegen zu lassen, ist nicht nur nicht zeitgemäß, sondern eine Dummheit. Mit Frauen könnte sie das Zölibat retten und zu einer neuen Kultur der Emanzipation beitragen. Dagegen sind wiederum die fundamentalen Ultrakonservativen im Vatikan, deren Macht ungebrochen ist, auch wenn der Papst einen liberaleren Kurs fährt.  Jedem den Wunsch nach Sexualität zu unterstellen als freudianisches Erbe ist ebenso falsch wie sie zu leugnen. Es gibt sie, aber wir sind ihr nicht ausgeliefert. Keuschheit wird gesellschaftlich geächtet, aber kirchlich verehrt. Sie sollte etwas Freiwilliges und vollkommen Gewaltloses sein.

Transparenz schafft Vertrauen

Die Kirche und assoziierte Institutionen sind bekannt für ihre Verheimlichungen und Verweigerungen von Dialogen. Hintergrund hier sind meistens eigene Verfehlungen, die vertuscht werden sollen. Nicht darüber zu reden ist für diese Menschen wie eine Absolution. Doch funktioniert dieser Wunsch nicht, denn meistens kommt doch irgendwann vieles ans Licht und will dann eben auch bearbeitet werden, denn Menschen möchten nicht getäuscht werden. Wenn eine Kirche und ihre Vertreter auch in dubiose politische Verhältnisse verstrickt waren und sind, hat die Öffentlichkeit ein Recht, das zu erfahren, um sich dann auch zu fragen, welches Recht vonseiten der Kirche besteht, anderen moralische Vorschriften zu machen. Hier steht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Zurückgewinnen kann man sie nur, wenn man der Macht abschwört und die Wahrheit präferiert, die nur im ständigen Diskurs zu haben ist. Tradition und Moderne stehen dann nicht mehr unvermittelt und unversöhnt nebeneinander. Dieser offene Diskurs könnte sich auch heilsam auf die Kirche auswirken. Eine zu weit gehende Säkularisierung bedeutet eben auch eine De-Sakralisierung, was nicht gewollt sein kann. Affirmative Spiritualität ist auch eine Sphäre der Entwicklung, die vielfältiger sein kann, als sie zurzeit praktiziert wird.

Frédéric Martel: Sodom. Frankfurt am Main. 2019

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